Jahrgang 
1865
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Sollen die Schulſpaziergänge die bis jetzt erwähnten Vortheile gewähren, ſo müſſen ſie ſich, wie bereits hervorgehoben wurde, oft, vielleicht monatlich wieder⸗ holen. Aber, ſo wendet wohl Mancher ein, wird man in dieſem Fall nicht allzuhäufig dieſelben Wege wandern, dieſelben Berge beſteigen müſſen, und wird man das nicht endlich langweilig finden?*) Unſere Antwort iſt, daß Alles darauf ankommt, wie die Spaziergänge geleitet werden. Verlieren dieſelben bei aller Freiheit von ſoldatiſchem Zwang den paͤdagogiſchen Charakter nicht, den ſie durchweg haben ſollen; merken die Schüler, daß ſie auf dieſen Gängen intellectuell und ſittlich gefördert werden und das werden ſie ſehr bald merken, wenn es der Fall iſt ſo werden ſie den Gang durch daſſelbe Thal, auf denſelben Berg eben ſo wenig müde werden, wie den jahrelangen Gang in daſſelbe Schulhaus.

Indeſſen wäre auch denkbar, daß ſich zwiſchen die gewohnten Touren dann und wann eine Extratour in größere Ferne ohne weſentliche Erhöhung der Koſten(für manche Eltern ein wichtiger, von uns hernach noch zu beſprechender Punkt) ein⸗ ſchalten ließe. Sollte nicht durch eine von der Preſſe ausgeübte, gewiß erlaubte, milde aber beharrliche Preſſion auf die Eiſenbahn⸗Adminiſtrationen zu bewirken ſein, daß ſich dieſelben im Intereſſe der Jugendbildung einmal für allemal herbei⸗ ließen, für den Fall gemeinſchaftlicher Fahrten der Lehrer und Schüler ſtark er⸗ mäßigte Fahrpreiſe eintreten zu laſſen? Läßt man die Naturforſcher, Schulmänner u. ſ. w. bei beſonderen Veranlaſſungen billiger fahren, warum nicht auch die Schul⸗ kinder, wenn Reiſen im Intereſſe ihrer Bildung und Erziehung iſt?

Und weil doch nicht bloß in der Schule, die im engeren Sinn ſo heißt, ſondern auch in der weiteren Schule des Lebens am beſten durch das Beiſpiel ge⸗ wirkt wird, ſo mag es gut ſein, jede durch dieſe oder jene Eiſenbahndirektion zu Gunſten der Schule einmal bethätigte Liberalität möglichſt publik zu machen, und ſo werde denn gleich hier rühmend erwähnt, wie im vorigen Herbſt(man denke nicht an die Main⸗Weſer⸗Eiſenbahn und die Realſchüler zu Friedberg!) durch be⸗ reitwilliges Entgegenkommen der Direktion der Main⸗Neckar⸗Eiſenbahn einer größeren Anzahl von Kindern aus einigen Orten der Bergſtraße die Vergünſtigung zu Theil ward, in Geſellſchaft ihrer Behher für ermäßigte Preiſe nach Frankfurt (zum Beſuch des zoologiſchen Gartens) befördert zu werden**). Hoffen wir auch hier: Exempla trahunt! 1

Um aus einer ſolchen Extratour einen möglichſt großen Gewinn für die Jugend zu ziehen, müßte der pädagogiſche Grundſatz, im Voraus für einen Gegenſtand Intereſſe zu erwecken, zur Anwendung kommen. Demgemäß wären die jugendlichen

8*) Um das Intereſſe für einen Ort, beziehungsweiſe für den Weg dahin rege zu halten, ließe ſich wohl auch ein beſonderes, dem Jugendſinn gewiß entſprechendes Mittel anwenden, be⸗ ſtehend in der Pflanzung eines Bäumchens an jenem Ort durch die Schüler. Daß ein Bäumchen, vom Knaben gepflanzt, ein Baum wird, der vielleicht einſtens als lebendes Denkmal dem gereiften Mann, dem Greis im Silberhaar, wenn er unter ſeinem Schatten ruht, das verlorne Paradies ſeiner Kindheit mit unwiderſtehlicher Gewalt vor die Seele führen wird, braucht nur erwähnt zu werden, um neben dem beſondern Zweck des berührten, vielleicht mit einer kleinen Feier zu ver⸗ bindenden Aktes die hohe Bedeutſamkeit deſſelben für das ſpätere Alter erkennen zu laſſen.

**) In einem Zeitungsbericht darüber heißt es u. A.: Die herrliche Bergſtraße, an welcher der Zug vorüberflog, mit ihren maleriſchen Burgen und reizend gelegenen Städtchen, Darmſtadt, der Main mit ſeinen Schiffen, der prächtige Anblick von Frankfurt das Alles intereſſirte die Kinder auf's Lebhafteſte, und wollte der Fragen kein Ende werden.