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Nun erſchallt, als drängte uns ein überirdiſch' Weſen, mit einem Mal:
Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin—
Näher und näher rückt die glühende Sonnenkugel dem Horizont; eine An⸗ deutung genügt und Alle ſingen: Goldne Abendſonne, wie biſt du ſo ſchön— Der Abend iſt hereingebrochen, der Mond iſt aufgegangen; hei, wie zündend wirkt jetzt Claudius' Abendlied!.
Der Mond iſt aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar. Der Wald iſt ſchwarz und ſchweiget Und aus den Wieſen ſteiget
Der weiße Nebel wunderbar.
Wie iſt die Welt ſo ſtille
Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und ſo hold,
Als eine ſtille Kammer,
Drin Ihr des Tages Jammer Verſchlafen und vergeſſen ſollt.
Auch eine Declamation am rechten Ort, zur rechten Zeit thut gute Dienſte.
Wir lagern unter einem blühenden Kirſchbaum, unter einem reichbehangenen Apfelbaum, und ein Knabe mit ſchöner Stimme recitirt uns Hebels Lied vom Kirſchbaum oder Uhlands„Einkehr“
Bei einem Wirthe wundermild—
Ja, wie erfaßt uns das unter'm Apfelbaum ganz anders, als in der dumpfen Schulſtube! 39 n Es iſt Herbſt; Blätter fallen von den Bäumen; wir haben eine Ruine durch⸗ wandert und liegen im wuchernden weichen Graſe des Burghofs im Schatten eines zerborſtenen Gemäuers, umgeben von Thurmtrümmern, Thorbogen und geſunkenen Leichenſteinen. Nun iſt's an der Zeit, daß Matthiſſons berühmte„Elegie, ge⸗ ſchrieben in den Ruinen eines alten Bergſchloſſes,“ vorgetragen werde. Und während wir ſo daliegen und zuhören, „Traurig ſinnend, was vor grauen Jahren Dieſe morſchen Ueberreſte waren: 16
Ein bethürmtes Schloß voll Maſehtt Auf des Berges Felſenſtirn erhöht—“
da mit einem Mal baut ſich vor der träumenden Seele das Schloß wieder auf, wie es einſt geweſen, mit Ringmauer und Zugbrücke, mit Zinnen und Söller, mit Thürmen und Thürmchen, mit Waffen und Ahnenhallen; und den Burgwart hören wir blaſen und die Pokale hören wir ſchallen und ziehen ſehen wir über den Zwinger die Ritter in funkelnder Rüſtung und aus den Fenſtern ſchauen die Ritterfrauen. Die Wanderluſt zu ſteigern, die Theilnahme an der Natur zu vertiefen, dürfte es zweckdienlich ſein, wenn Gedichte oder vielleicht noch beſſer, einzelne charak⸗ teriſtiſche Strophen daraus, welche ſich auf Wanderluſt und Naturgenuß beziehen,
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