— 24—
„Herz, woge nur mit! Sei wieder ein Kind!“ Dem Erzieher ſei es zugerufen, der ja in jeglichem Ding am ſicherſten und kräftigſten durch das eigne Beiſpiel wirkt. Gewahrt der Schüler die Freude, die der Lehrer beim Anblick des Schönen empfindet und die Bewunderung, die er dem Herrlichen zollt, ſo geht auch in ihm unmerklich eine Ahnung des Schönen und Herrlichen auf. Dabei iſt keineswegs nöthig, ja vielfach nicht einmal empfehlenswerth, daß man ſeine Empfindungen in Ausrufen und beredten Worten äußere; ein ſchweigſames Hinſchauen, eine ſtille aufmerkſame Beachtung und Betrachtung, die man einem ſchönen Naturobject, einer lieblichen Naturſcene zuwendet, genügen in vielen Fällen vollkommen, gemüthlich angelegte Knaben auf die Theilnahme des Lehrers am Naturſchönen aufmerkſam zu machen und bis zu einem gewiſſen Grad ſympathetiſch zu ſtimmen. Und was einem Knaben heute nicht kommt, das kommt ihm vielleicht beim nächſten Mal. Auch hier gilt: semper aliquid haeret.
Aber nicht blos das Beiſpiel des Lehrers, auch das Beiſpiel der mit Natur⸗ ſinn begabteren Knaben wirkt anregend und fortreißend. So erinnert ſich der Verfaſſer noch recht gut, wie er einſtmals auf einer Ferienreiſe mit mehreren Schülern an einer ſchattigen Quelle ſaß und einer derſelben, ein ſonſt ſehr leb⸗ hafter, von jeder Empfindelei weit entfernter Knabe, als aufgebrochen werden ſollte, die Bitte ausſprach, noch ein Viertelſtündchen zu verweilen: das Plätzchen ſei gar zu lieb. Auf die andern Knaben mußte dieſe Bitte, der natürlich willfahrt wurde, einen gewiſſen Eindruck gemacht haben; denn nicht lange nachher gaben Einige den Wunſch zu erkennen, daß wir an der nächſten ſchönen Quelle ja wieder lagern möchten.
Ein vorzügliches Förderungsmittel des Naturſinns bietet das im Freien geſungene Chorlied, abſonderlich wenn deſſen Inhalt mit der Oertlichkeit oder jeweiligen Naturſcene ſtimmt. Haben wir die Stadt erſt hinter uns, mag das Lied erſchallen:
Hinaus in die Ferne mit lautem Hoͤrnerklang, Die Stimme erhebet zum männlichen Geſang—
Wandern wir im Wald, umtönt von Waldesrauſch und Vogelſchlag und Quellgeſang, gar mächtig hebt es Waldesluſt und Waldesſtimmung, wenn aus hundert Kinderkehlen das Lied ertönt:
Im Wald, im Wald Im friſchen grünen Wald—
Nun ſtehen wir auf des Berges Gipfel; lang währt das Schauen und Jauchzen und Fragen. Iſt endlich etwas Ruhe eingetreten, dann intonire man, will man den Eindruck erneuen und vertiefen:
O Luſt, vom Berg zu ſchauen Weit über Wald und Strom, Hoch über ſich den blauen Tiefklaren Himmelsdom—
Durch's Rheinthal wandern wir, da wo es anm ſchönſten iſt, vorüber am mächtigen Felſen, allwo Die ſchönſte Jungfrau ſitzet, Dort oben wunderbar—


