wie viel Gelegenheit findet man da, ſich von einem theils gänzlichen Mangel, theils großer Beſchränktheit des Intereſſes an jenen Dingen zu überzeugen, nicht zu gedenken einer gewiſſen wortreichen und gefühlsarmen Schönthuerei mit der Natur einerſeits und einer gefühlsüberladenen krankhaften Naturempfindelei andrer⸗ ſeits. Alles in Betracht gezogen, können wir uns der Anſicht nicht verſchließen, daß die Empfänglichkeit für Naturſchönheiten auf einer Fähigkeit beruht, die ange⸗ boren iſt und die, wenn ſie zur Entfaltung kommen ſoll, entwickelt werden muß. Nur wenige Menſchen erfreuen ſich dieſer Fähigkeit oder Anlage*) in einem Grad, daß dieſelbe durch den bloßen Verkehr mit der Natur erheblich ausgebildet wird. Die meiſten beſitzen von Haus aus einen ſo geringgradigen Naturſinn, daß es zu ſeiner Entwicklung einer beſonders darauf gerichteten Thätigkeit erziehender Perſonen bedarf. Hiermit kann ſehr früh der Anfang gemacht werden, und wir bezweifeln nicht, ohne jedoch jetzt den Beweis dafür zu erbringen, daß man ein Kind, das an Blumen und Thieren Intereſſe findet, nicht unſchwer auch für die Reize einer blumigen Wieſe, eines klaren Baches, einer ſilberhellen Quelle empfänglich machen könnte. Darnach wäre es nun eigentlich Sache der Eltern, die Kinder zum Naturſinn zu erziehen. Bedenkt man aber, daß man zu keiner Eigenſchaft gut erziehen kann, die man nicht ſelbſt ziemlich vollkommen beſitzt, und daß ein aus⸗ gebildeter Naturſinn, wie ſchon angedeutet, gar nicht häufig angetroffen wird, ſo müſſen wir uns nach einem andern Weg umſehen. Und damit ſind wir denn bei unſrer eigentlichen Frage wieder angekommen.
Wie der Geſang, der durch das Ohr bildend und beſſernd zum Herzen dringt, ſo muß der Sinn für Naturſchönheit, die durch das Auge zum Herzen ſpricht(„im ſinnigen Umgang mit der Natur, ſagt Göthe, finden wir holde Freuden und Bildung für Geiſt und Herz“) von Seiten der Schule eine ſeiner hohen Bedeutung ange⸗ meſſene Pflege finden. Das kann aber der Natur der Sache nach nur durch einen Verkehr und recht fleißigen Verkehr der Lehrer mit den Schülern im Tempel der Natur geſchehen. Nicht zwei⸗ oder dreimal im Jahr, viel öfter, wenigſtens zehn⸗ und zwölfmal im Jahr, theils in den Ferien, theils mit Unterbrechung der Ordnung der Dinge während der Schulzeit müſſen die Lehrer, ſei es einzeln mit ihren Klaſſen, ſei es zuſammen mit allen Schulern der Anſtalt feſtzugartig hinauspilgern, um halbe oder ganze Tage in Gottes freier Natur zu verbringen, wandernd dur Flur und Wald, über Berg und Thal, ſingend und jubilirend, ruhend am dc und raſtend im Dörfchen des Thales..
Es kost mit den Saaten der Morgenwind, O wonniges Wogen und Schaukeln! Herz, woge nur mit, ſei wieder ein Kind, Das Blumen und Träume umgaukeln. Der Himmel ſo blau, die Erde ſo grün, Die Lerchen trillern ſo heiter; Die Luft ſo friſch, der Muth ſo kühn, O wandre nur weiter und weiter! (Ritſert.)
*) Es ſcheint, als ob auch die Nationen im Großen und Ganzen durch Unterſchiede in den Anlagen zum Naturſinn characteriſirt ſind. Völker, wie die Italiener, Spanier, Portugieſen, obwohl zum Theil in den ſchönſten Landſchaften Europa's wohnend, ſtehen in Abſicht auf Natur⸗ ſinn hinter Deutſchen und Engländern weit zurück. In Mexieo, Peru, Braſilien— und was für Gegenden gibt es dort!— iſt Spazierengehen ſelbſt unter den Gebildeten etwas ganz Unbekanntes.


