Jahrgang 
1865
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geboten wird, mag dahingeſtellt bleiben. Gewiß iſt, daß auch in dieſer Beziehung die Lehrer ächte und rechte haben wir im Auge im Verkehr mit den Schülern außerhalb der Schule des Guten Viel wirken können.

Ohne zu meinen, dieſe Seite unſeres Gegenſtandes erſchöpft zu haben noch Mancherlei könnten wir zur Illuſtrirung aus eignen Beobachtungen und Er⸗ fahrungen hinzufügen eilen wir weiter, um eine andere, bis jetzt viel zu wenig beachtete Seite des Nutzens gemeinſchaftlicher Ausflüge von Lehrern und Schülern in's Licht zu ſetzen.

Daß der Geſang mit ſeiner wunderbaren Macht auf das menſchliche Gemüth ein vorzügliches Mittel zur Herzensbildung und Geſittung der Jugend abgibt, iſt eine längſt erkannte Thatſache, und es gibt ſchwerlich einen Pädagogen, der es unterließ, die Ausnützung dieſes Bildungsmittels dringend zu empfehlen. Viel ſeltener und viel weniger nachdrücklich äußert ſich die Pädagogik über die Pflege des Sinns für Naturſchönheit, und doch kann behauptet werden, daß, ſind nur erſt die Gefühle für die Reize der Natur aufgeſchloſſen, die Anſchauung der Natur in ihrer Schönheit und in ihrem wunderbaren Weben auf das Gemüth des Menſchen einen kaum geringeren und weniger veredelnden Einfluß ausübt, als Muſik und Geſang. Der Grund für die Vernachläſſigung der Cultur des Sinns für Natur⸗ ſchönheit liegt auch gewiß nicht darin, daß die bildende und veredelnde Kraft deſſelben etwa geleugnet wird, ſondern darin, daß man die Pflege deſſelben eben nicht wie die Pflege des Geſangs und anderer Unterrichtsobjecte zwiſchen den vier Wänden der Schulſtube vornehmen kann.

Bevor wir weiter gehen, erſcheint räthlich, einem hier denkbaren Einwand zu begegnen. Vielleicht nämlich meint der Eine oder Andere, der Sinn für Natur⸗ ſchönheit ſtelle ſich entweder nach und nach von ſelbſt ein, etwa durch längeren Aufenthalt in reizenden Gegenden, oder er könne, wo dieß nicht der Fall ſei, auch nicht durch dritte Perſonen anerzogen werden. Dem nun müßten wir in Beidem widerſprechen. Wandert man durch das Rheinthal, wo es am ſchönſten iſt, oder durch irgend eine noch ſo romantiſche Gebirgsgegend und rühmt man den Winzern und Landleuten, die man auf ſeinem Wege trifft, die Pracht und Herrlichkeit ihrer Gegend, ſo wird man unter zehn vielleicht neun finden, die unſre Begeiſterung nicht entfernt begreifen und die eine flache einförmige Gegend weit über ihre Felſen und Berge preiſen. Man gibt dies vielleicht zu und meint weiter, daß der Sinn für Naturſchönheit an den Beſitz eines gewiſſen Maßes von Bildung geknüpft ſei, ſo daß man jenen Sinn als ein Product der Bildung anzuſehen hätte. Aber auch Dies können wir nicht ohne Weiteres gelten laſſen. Es gibt gebildete, auch wiſſen⸗ ſchaftlich gebildete und gelehrte Leute genug, bei denen der Sinn für Naturſchönheit mehr oder weniger dürftig vorhanden iſt. Den ächten und vollen Naturſinn legen wir nämlich nur Demjenigen bei, der auch an häufig vorkommenden und einfachen Naturſchauſpielen und Schönheiten Wohlgefallen findet. Man kann von Ueber⸗ ſpanntheit und Sentimentalität weit entfernt ſein und es gleichwohl zum hundertſten und tauſendſten Mal ſchön und genußreich finden, dem Untergang der Sonne, dem Aufgang des Mondes, dem Formen⸗ und Farbenſpiel der Wolken zuzuſehen, unter'm funkelnden Sternenhimmel zu wandeln, über eine blumige Wieſe, durch einen friſchen Wald zu ſchreiten, zwiſchen hohen Kornfeldern oder am gebüſch⸗ umſäumten Bach hinzuſchlendern. Thut man ſolches in einer größeren Geſellſchaft,