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Lehrer Gelegenheit geben können, ſeine ethiſche Individualität allſeitig zu entfalten, (ſchon viel günſtiger geſtaltet ſich die Sache bei mehrtägigen Reiſen mit Schülern), ſo wird doch auch nicht beſtritten werden, daß manches höchſt Erſprießliche erzielt werden kann. Man wird nicht fünf bis ſechs Stunden den Tag über wandern können, ohne ein Bild der Armuth und des Elends vor ſich auftauchen zu ſehen. In einem ſolchen Fall wohlthätig zu ſein und Mitleid, ächtes, wirkliches Mitleid zu äußern, wirkt ſicherer und nachhaltiger, als das Leſen oder Erzählen von zehn Geſchichten über Wohlthätigkeit und Mitleid. Der Armuth im Beiſein des Zög⸗ lings zu geben, hielt Jean Paul für ſo wirkſam und wichtig, daß er lieber eine Polizeiſtrafe bezahlen wollte, als einen Bettler abweiſen. Erreichten wir auf unſern pädagogiſchen Spaziergängen auch weiter nichts, als daß wir durch Bethätigun eigner Theilnahme und Mitleids die gleichen Eigenſchaften in allen oder doch vielen Schülerherzen weckten und befeſtigten, ſo hätten wir damit ſchon Außer⸗ ordentliches erreicht. Sind Mitleid und Mitgefühl nicht die Quelle von Güte und Wohlwollen, von Freundſchaft und Nächſtenliebe, ſind ſie nicht der Urquell der Humanität? Leſen die Schüler oder erzählt der Lehrer von jenen ſpartaniſchen Geſandten, welche im Theater zu Athen vor einem alten, ganz gemeinen Mann ehrerbietig aufſtanden und ihm Platz machten, ſo mag das zur Weckung der Ehr⸗ furcht vor dem Alter ſein Gutes haben. Wie viel wirkſamer aber wird es ſein, wenn der Lehrer in den Fall kommt, vor den Augen der Schüler die eigne Pietät vor dem Alter zu beweiſen! Verba movent, exempla trahunt. Und wie wird ſpäter ſeine Mahnung, das ehrwürdige Alter zu reſpectiren, bei den Schülern eine ganz andere Wirkung haben, nachdem ſich ihren Seelen das Bild einer angeſchauten ſchönen That des Lehrers eingeprägt hat! Aus dem Religionsunterricht einen unverlierbaren Schatz von Sprüchen mitzunehmen, welche die Nächſtenliebe und eine Werthſchätzung des Menſchen gebieten, die auch im Geringen und Geringſten den Bruder anerkennt, hat für das ſpätere Leben gewiß einen hohen Werth. Aber Werth und Wirkung eines ſolchen Schatzes verdoppeln und verdreifachen ſich, wenn ſein Inhalt von der Jugend im lebendigen Beiſpiel des Erziehers oft und deutlich angeſchaut ward. Biete dem Mann, der im Schweiße ſeines Angeſichts den Acker pflügt, biete dem Mann, der in greller Sonnenhitze auf der Landſtraße Steine klopft, biete dem Maurer, dem Fabrikarbeiter, der auf einem Eckſtein ſitzend ſein frugales Mittagsmahl verzehrt, vorübergehend einen freundlichen Gruß, ſprich ein theilnehmendes Wort mit dem Invaliden, der Dir begegnet, frage den Unbekannten, der bekümmert am Wege ſitzt, nach der Urſache ſeines Leids und beweiſe ſo Deinen Schülern, daß Du die Sprüche, die Du ſie haſt lernen laſſen, ſelbſt lebendig inne haſt; thue Das und ſei gewiß, daß Du Großes wirkſt!
Was den wahrhaft gebildeten Menſchen kennzeichnet, iſt neben der Haupt⸗ ſache, der harmoniſchen Vereinigung und Durchdringung einer ausgebildeten In⸗ telligenz mit hoher Sittlichkeit, die äußere Form, in welcher das ethiſch und intellectuell gebildete Sein im Umgang mit andern Menſchen zur Erſcheinung kommt. Eine auf genauer Kenntniß der für den geſelligen Umgang gültig ge⸗ wordenen Geſetze gegründete Wohlgefälligkeit und Wohlanſtändigkeit des äußeren Benehmens bilden das Weſen dieſer Form und ſichtbaren Blüthe wahrer Bildung, und ſie kann nicht erworben werden, dieſe Form, ohne angeſchaut zu ſein. Wie vielen oder wenigen Kindern dazu im Familien⸗ und gewöhnlichen Leben Gelegenheit


