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hartes Gemüth, ein Siebenter, der einen frivolen Sinn offenbart. Neid, Schaden⸗ freude, Argliſt, Falſchheit, Eitelkeit, Unverträglichkeit, Eigenſinn, Geiz, Jähzorn und wie die moraliſchen Mängel und Unholde alle heißen— ſie entſtehen ja nicht über Nacht, ſondern entwickeln ſich allmählich— ſie alle finden in ihren Anfängen bei einer größeren Anzahl von Knaben ihre Vertreter, und indem jene im freieren und häufigeren(über das letzte Wort Näheres weiter unten) Verkehr der Schüler unter ſich und mit den Lehrern unverhüllt zu Tage treten, werden ſie zugleich pädagogiſchen Maßnahmen zugänglich. Auf der andern Seite enthüllen ſich aber auch ſchöne Eigenſchaften und Eigenthümlichkeiten der Schüler vor den Augen der Lehrer; und welch eine Vertiefung dürften dieſelben erfahren durch ein freundliches Wort, einen anerkennenden Blick des Lehrers, die der ſchönen moraliſchen Kund⸗ gebung auf dem Fuß folgen! Nicht zu unterſchätzen iſt überdieß die gleichſtimmende und fortreißende Wirkung ſchöner Geſinnungen und Handlungen des einen Theils der Knaben auf die andern.
Dort theilt ein mitleidiger Knabe ſein Brod mit einem armen Kind; ein anderer ſieht es und thut daſſelbe. Hinter uns wandert ein Trupp, der nicht aus dem Lachen kommt; er hat einen Humoriſten bei ſich. Wir drehen uns um, und der Erzähler verſtummt. Nie hätten wir uns von dem ſo ſtill und beſcheiden auf der Schulbank ſitzenden Kuaben träumen laſſen, daß er eine ſo köſtliche Gabe des Geiſtes und Gemüthes beſäße. Ein altes Mütterchen wankt vorbei; die Meiſten ſehen's theilnahmlos, Andere bleiben ſtehen und blicken halb gerührt dem Mütterchen nach. Ein Fuhrmann mißhandelt ſein Pferd; gewiß fehlt es nicht an Knaben, die dieſer Anblick empört. Wir geben einen Auftrag, ohne uns an einen beſtimmten Schüler zu wenden, und machen die überraſchende Wahrnehmung, daß Knaben, mit deren Lernen und Leiſtungen wir gar nicht ſonderlich zufrieden ſind, ſich überaus dienſtfertig erweiſen. Ganz dort hinten wandelt ſtill für ſich ein Knabe; wir haben ihn faſt nie anders als ſtill und einſam gehen ſehen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, beſitzt der Knabe ein beſonders ſinniges Gemüth.
Es lernen aber auf gemeinſchaftlichen Spaziergängen nicht allein die Lehrer ihre Schüler in Abſicht auf ſittliche Angelegtheit gründlicher kennen, als in der Schule; es lernen auch umgekehrt die Schüler ihre Lehrer beſſer kennen. Und das muß, muſtergültige Lehrer vorausgeſetzt, von tiefgehender Wirkung ſein.
Denken wir uns einen Lehrer, der von den Eigenſchaften und Tugenden, welche die ethiſch ſchöne Perſönlichkeit bilden, eine Fülle in ſich vereinigt, der theil⸗ nehmend mit dem Unglücklichen, wohlthätig gegen die Armen, wohlwollend und menſchenfreundlich gegen Jedermann, gegen den geringſten Taglöhner und Bettler, ebrerbietig gegen das Alter, beſcheiden, anſpruchslos und rückſichtsvoll in ſeinem
anzen Auftreten, zuverläſſig in ſeinen Verſprechungen, unwandelbar in ſeinen Fnſchließungen iſt, welche Gelegenheit iſt einem ſolchen Lehrer in der Schule gegeben, jene Eigenſchaften vor den Augen der Schüler zu bethätigen? Welche Gelegenheit iſt ihm gegeben, ſeinen Abſcheu vor Härte und Liebloſigkeit, vor Bosheit und Rohheit vor Prahlſucht und Eitelkeit, vor Ungerechtigkeit und Grau⸗ ſamkeit, vor Unbilligkeit und Rückſichtsloſigkeit, vor Schadenfreude und Spott⸗ ſucht u. ſ. w. den Schülern in dem Eindruck zu zeigen, den die Wahrnehmung ſolcher Eigenſchaften in den Handlungen der Menſchen auf ihn ſelbſt macht? Wenn nun auch nicht behauptet werden ſoll, daß die in Rede ſtehenden Excurſionen einem


