— 17—
der Schule getrieben wird, eignes Intereſſe an den Tag legen möchten. Das heißt: Eltern und Lehrer gehen Hand in Hand, und nur bei ſolcher gegenſeitigen Unterſtützung kann die Schule ihr Ziel, verſtändige und gebildete Schüler zu erziehen, erreichen.
Sie kann dies aber unter der gleichen Vorausſetzung auch nur bezüglich einer zweiten Aufgabe, die ich in die Worte faſſe: die Schule ſoll bei ihrem Unterricht Rückſicht nehmen auf den künftigen Beruf ihrer Schüler, ſie ſoll mitwirken, daß dieſelben brauchbar fürs Leben werden.
Die Schule iſt Vorbereitung fürs Leben; Knaben wachſen ſchnell heran und werden zu Jünglingen, und an die Stunde ihres Eintritts in die Schule reiht ſich gar bald die des Austritts. Dann iſt die erſte Frage, die das Leben an den neuen Ankömmling macht, die: Was willſt du werden, welchem Berufe willſt du dich widmen? Der Beruf iſt das eigentliche Element, in dem das Leben jedes Menſchen⸗ verlauft. Jeder ſoll eine beſtimmte Stelle einnehmen im Leben, auf derſelben ſeine Gaben und Kräfte verwerthen und ſich für die Geſammtheit nützlich machen. Dazu ihn zu befähigen, iſt eine weſentliche Aufgabe der Schule. Nun kann man aber in dieſer Forderung allerdings auch zu weit gehen, und man iſt namentlich in Bezug auf die Realſchulen vielfältig darin wirklich zu weit gegangen. Bei der erſten Ent⸗ ſtehung dieſer Anſtalten, vor 25— 30 Jahren, hegte man, wie von Allem, was neu auf die Schaubühne des Lebens tritt, die übertriebenſten Erwartungen von ihren Erfolgen. Sie ſollten eine Panacée ſein gegen alle Schäden und Mängel, die das bürgerliche Leben drücken. Die Anſtalten ſelbſt trugen zu ſolchem Miß⸗ verſtändniß Vieles bei durch die Ueberſchwenglichkeit ihrer Verſprechungen, mit denen ſie vor das Publikum traten, durch die Unbeſtimmtheit in der Wahl ihrer Lehrobjecte und durch die Unfertigkeit in der methodiſchen Behandlungsweiſe der⸗ ſelben. Heut zu Tage iſt dies aber anders geworden. Das Leben, das mächtiger iſt, als alle Theorieen, hat auch hier ſeine heilende Correctur ausgeübt. Man ſtreitet jetzt nicht mehr darüber, ob aus dem chemiſch⸗phyſicaliſchen Unterrichte der Realſchulen fertige Schönfärber und Maſchinenbauer, oder aus dem Zeichenunterrichte geſchickte Ingenieure, oder aus dem kaufmänniſchen Rechenunterrichte gewandte Comp⸗ toiriſten hervorgehen ſollen, oder ob man nicht vielmehr die Erreichung ſolcher Reſultate beſonderen Fachſchulen und der Anweiſung der praktiſchen Lehrzeit über⸗ laſſen müſſe. Nein, die Realſchulen geben ihren Schülern keine Rezepte mit, die ſie ſofort in klingende Münze umſetzen können; ſie wollen keine eigentlichen Berufs⸗ kenntniſſe, ſondern vielmehr nur die allgemeinen Vorkenntniſſe geben, die die mannichfachen Berufsarten des bürgerlichen Lebens zur unerläßlichen Vorausſetzung haben. Denke ich aber daran, daß ein Schüler ſich dieſe Vorkenntniſſe nur dann im hinreichenden Umfange aneignen kann, wenn er den ganzen wohlgegliederten Curſus der Schule durchlauft, daß dieß aber leider hier ſowohl, wie überall ander⸗ wärts nur von dem kleinſten Theile der Realſchüler geſchieht, und muß doch ge⸗ wünſcht werden, daß auch die früher ausſcheidenden vom Beſuche der Schule einigen Nutzen mitnehmen ins Leben, ſo erachte ich es für nöthig, daß in der Schule eben⸗ ſoviel, ja noch mehr Gewicht, als auf die oben berührten Vorkenntniſſe, auf die Gewöhnungen und Tugenden gelegt wird, welche das bürgerliche Leben und alle Berufsarten in demſelben dringend erfordern. Ich finde dieſe Gewöhnungen aber hauptſächlich in folgenden Stücken: Selbſtbeherrſchung und Enthaltſamkeit; Fleiß und Ausdauer; Pünktlichkeit und Ordnungsliebe.
3


