— 10—
helfen kann; das Zeichen einer schlechten Nachhilfe dagegen ist, daß die Schülerin beim Aufhören der Unterstützung sofort wieder zurückbleibt.
Selbständigkeit und Zielbewußtheit der Arbeit ist das Ziel, dem zugestrebt werden muß. Alle Stunden und Nachhilfen, die einen andern Zweck haben als einer ungeschickten Anfängerin erst einmal die Wege zu eigner Arbeit zu zeigen oder eine aus irgendeinem Grunde zurückgebliebne Schülerin möglichst bald wieder zu voller eigner Mitarbeit zu befähigen, schädigen mehr als sie nützen.
Insbesondre kann die Schule nur dringend davor warnen, die Mädchen mit Neben- beschäftigungen— namentlich Musikstunden— so abzuspannen und zu ermüden, daß ihnen ein frisches Arbeiten für die Schule aus eigner Kraft unmöglich wird. Denn dann werden sie ihre Aufgaben nur mit steter Unterstützung matt und lustlos anfertigen und trotzdem immer hinter den Leistungen der Mitschülerinnen zurückbleiben. Die Schule aber muß in solchen Fällen selbstverständlich jede Verantwortung für das Weiterkommen der Schülerinnen ablehnen; der Klassenunterricht kann unmöglich Rücksicht auf eine aus der- artigen Gründen herrührende Abspannung und Oberarbeitung nehmen; er verlangt frische Kräfte, und die Schule muß erwarten, daß etwaige Nebenbeschäftigungen der Schülerinnen hinter den gemeinsamen Pflichten unter allen Umständen zurückgestellt werden.
4. Häuslicher Lesestoff.
„Ein Buch hat oft einen Menschen auf seine ganze Lebenszeit gebildet oder ver- dorben.“ In Erinnerung an dies ernste Wort Herders halten wir es für unsre Pflicht, auf den Unterhaltungslesestoff der uns anvertrauten Mädchen ein wachsames Auge zu haben. Deshalb legen wir auf sorgfältige Auswahl der für die Schülerinnen bestimmten Bücher das größte Gewicht und warnen nachdrücklich vor Gefahren., die den heranwachsenden Mädchen durch schlechten Lesestoff drohen.
Neuerdings macht sich in den Schaufenstern einer großen Anzahl von Papier- geschäften, Zigarrenläden. Kolportagebuchhandlungen und in Zeitungsständen eine umfang- reiche Schundliteratur breit, die sich im Ausmalen wirrster Abenteuer und gräßlichster Ver- brechen gefällt. Durch Preis, Ausstattung und Inhalt Stellt diese verwerfliche Literatur sich als eine unheildrohende Gefahr für unsre Jugend dar.
Daneben kommt ganz besonders für Mädchen noch eine andre Gruppe von Schund- büchern in Betracht, die außerlich vornehmer und harmloser erscheint, auch in besseren Buchhandlungen vor allem zur Weihnachtszeit die Herrschaft führt, aber nach ihren ganzen Zielen und ihrem ganzen Ton das jugendliche Denken auf bedenklichste Weise vergiftet und eine gesunde Auffassung schaffensfroher und reiner Wirklichkeit ertötet. Das ist die „Backſischliteratur“, deren ganzer Inhalt die Mädchen einer frohen Tätigkeit für eignen Wert entfremdet und den Männerfang als das alleinige Ziel der Mädchengedanken hinstellt, wie denn in diesen Büchern die Verlobung der Heldin mit einem je nach Geschmack weichlich-sanften oder kraftmeiernden Adonis der freundliche Schluß zu sein pflegt. Stil und Menschenzeichnung dieses Geschreibsels ist geschroben, süßlich und unnatürlich und in jeder Weise geeignet, geziertes und ungesundes Wesen mit Schwärmerei, Träumerei und Untätigkeit zu fördern.


