Jahrgang 
1915
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er ein Verſtändnis, ein warmes Herz für Euch hatte, ſchon manche Träne um ihn vergoſſen habt. Seine Eltern, die in ihm den einzigen Sohn verloren, entbieten der Schule, an der er zuletzt ge⸗ wirkt hat, noch ſeine letzten Grüße. Das muß uns wehmütig und traurig ſtimmen.

Karl Henkel wurde im November 1883 zu Hanau geboren. Er beſtand Oſtern 1902 die Reife⸗ prüfung am Kgl. Gymnaſium ſeiner Vaterſtadt und ſtudierte dann Franzöſiſch, Engliſch und Erd⸗ kunde an den Univerſitäten Marburg, Heidelberg, Berlin und an der Akademie für Sozial⸗ und Handelswiſſenſchaften in Frankfurt a. M. In Marburg erwarb er am 1. Mai 1907 die Doktor⸗ würde und legte im Juni 1908 die Prüfung für das höhere Lehramt in Preußen ab. Nachdem er 1908 09 ſeiner militäriſchen Dienſtpflicht genügt hatte, wurde er als Kandidat des höheren Lehramts dem Kgl. Gymnaſium zu Fulda zugewieſen. Von Oktober 1910 bis Oktober 1911 war er an der Realſchule zu Bad Wildungen, von Oktober 1911 bis Oſtern 1912 an der Oberrealſchule II in Caſſel beſchäftigt. Dann kam er an unſer Kgl. Sachſenhäuſer Gymnaſium und wurde zum 1. April 1913 zum Oberlehrer ernannt. So hat er der Anſtalt 2 ½ Jahre ſeine Dienſte geweiht, indem er alle Kraft der Pflege der Jugend, der Erziehung und der Unterweiſung ſeiner lieben Schüler widmete. Kein Wunder, daß ſie ihm ans Herz wuchſen und daß ſie ihn herzlich lieb gewannen.

Und nun hat er als Leutnant und Adjutant den Heldentod fürs Vaterland erlitten! Er iſt getreu in der Pflichterfüllung geweſen bis zum Tode. Sollen wir ihn darum beklagen? Wir lernen es in dieſer furchtbar großen Zeit: Was kann der Menſch Höheres erſtreben und erleiden, als daß er ſein Leben einſetzt und ſein Leben hergibt für das Vaterland? Auch ſein Blut iſt das wie Tauſender von deutſchen Brüdern gefloſſen, auf daß aus ihm die Saat der ruhmreichen Zukunft unſeres Vater⸗ landes aufgehe.

Es iſt ein Ruhmeskranz für unſere Schule, daß auch ſie berufen war, einen ihrer beſten Lehrer zu opfern für die heilige Sache des Vaterlandes. So ſchmerzlich der Verluſt iſt und ſo berechtigt Eure Trauer um den geliebten und verehrten Toten, ſo ſoll doch an die Stelle der Klage treten: ernſtes, dankbares Erinnern und der feſte Vorſatz, in ſeinem Geiſte weiter zu leben. Möchtet Ihr Euch auf Euch ſelbſt beſinnen und Euch fragen, ob Ihr in allem, was Ihr denkt und tuet und getan habt, ſeitdem er nicht mehr Euch durch ſeine ganze Perſönlichkeit zum Guten zu führen ſuchte, vor ihm beſtehen könntet.

Ruft Euch in die Erinnerung zurück, was er Euch geweſen iſt, und hängt an ihm auch über ſeinen Tod hinaus!

Liebe und Dankbarkeit und treues Gedenken machen dem Toten die Erde leicht.

In franzöſiſcher Erde, doch von treuen Kameraden gebettet, ſchläft er nun, und über ſeinem Grabe ſteht derſelbe Himmel, leuchtet dieſelbe Sonne, ziehen dieſelben Sterne dahin wie über uns. Ver⸗ geſſet ſeiner nicht! Haltet ihn allezeit in Ehren und laſſet mit den Wolken und den Winden auch Eure Gedanken hinziehen zu dem ſtummen Schläfer und ſprecht wie jener Charlottenburger Ober⸗ tertianer von ſeinem im Heldentod dahingeſunkenen Lehrer:

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