Wenn je, ſo hat das Jahr 1914 beſtätigt, was Goethe vor hundert Jahren ſchrieb:
So riſſen wir uns ringsherum
Von fremden Banden los,
Nun ſind wir Deutſche wiederum,
Nun ſind wir wieder groß!
So waren wir und ſind es auch
Das edelſte Geſchlecht,
Von biederm Sinn und reinem Hauch Und in der Taten Recht!
Ja wahrlich, nichts hebt unſere deutſche Seele höher in dieſen Tagen der ſchmählichſten Verläſte⸗ rung als der reine Hauch der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, als die Kraft des guten Rechtes in unſerer Politik, in unſerem Willen zum Siege.
Unſer Verbrechen im Rate der Völker iſt, daß wir überhaupt da ſind und wie wir daſind. Dies Wie iſt den eiferſüchtigen und neidiſchen Nachbarn ein Greuel. Sie verſtehen uns nicht, einmal weil ſie uns nicht verſtehen wollen und ſodann— ſagen wir es nur ſtolz— weil ſie uns nicht verſtehen können. Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt. Unſere deutſche Seele— das lehrt nichts mehr als dieſer Krieg— iſt grundverſchieden von der Seele der feindlichen Völker. Wer möchte leugnen, daß auch ſie große Männer hervorgebracht haben in allen Zweigen des Lebens? Doch ſie ſind z. T. entartet geiſtig und ſittlich, ſie ſind— wie die Ruſſen— noch unziviliſiert oder ſie bewegen ſich, wie die Franzoſen und Engländer, dem Verfalle zu; dieſe haben ihre große Zeit gehabt; wir ſtreben in unverwüſtlicher Jugendkraft empor.
Die ruſſiſche Volksſeele iſt naiv, roh, formlos, anſpruchslos gutmütig, knechtiſch demütig, von un⸗ gezügelter ſinnlicher Naturhaftigkeit, aus der die Grauſamkeit hervorwächſt, und von einer nur am Oberflächlichen haftenden Geiſtigkeit und Sittlichkeit. Unleugbar ſteckt eine gewaltige urwüchſige Kraft im Ruſſenvolke, doch ſie iſt ungefüge, ohne Leitung und Richtſchnur.
Die franzöſiſche Seele iſt durch Eitelkeit vergiftet, ihre glänzenden Eigenſchaften an Geiſt und Witz und Formſinn ſind verſchüttet durch das maßloſe Selbſtgefühl, das verbrecheriſche Politiker bis zum Wahnſinn ſtacheln. Iſt die ruſſiſche Seele einfach in ihrer Einfältigkeit, die franzöſiſche in ihrer Eitelkeit, ſo die engliſche mit dem Gentleman⸗Ideal in ihrer Gradlinigkeit und Einförmigkeit.
Doch dies Ideal iſt in der Politik ſeit langen Zeiten aufgegeben worden. Die engliſche Seele fragt da nur nach dem Nutzen, nach dem Nationalprofit: Was koſtet das Unternehmen, was bringt es ein? Vor dieſer Frage verſtummen alle ſittlichen Begriffe. Denn die puritaniſche Heuchelei, die von Hochmut und Selbſtſucht erfüllt iſt, ſchaltet jene mit kaltem Zynismus aus. Immer tiefer iſt das geiſtig⸗ſittliche Niveau auch in der Erziehung, die den Sport der Geiſteskultur voranſtellt, in der Philoſophie, die ganz und gar auf das Nützliche, Eudämoniſtiſche eingeſtellt iſt, geſunken. Wie wollte man ſonſt es verſtehen, daß den engliſchen Politikern jedes, auch das verwerflichſte Mittel recht iſt, um Deutſchland zu vernichten?— Wir wollen uns nicht überheben und in den Fehler der Gegner verfallen und dieſe verketzern und unſer Weſen in den Himmel erheben. Doch eins ſteht feſt: Unſere Seele iſt nicht auf eine Formel zu bringen, ſie hat Widerſprüche in ſich und ſucht ſie auszugleichen, ſie iſt verwickelter, gebrochener, reicher. Daher vermag ſie ſich denen anderer Nationen anzuſchmiegen und ſich ihnen einzufühlen, ja ſogar bis zur Selbſtaufgabe. Was macht unſere Krieger ſo groß dadraußen? Die Tapferkeit im Bunde mit Ehrlichkeit und Gutmütigkeit,
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