Schüler betätigten sich in mannigfacher Weise in der Kriegsfürsorge. So stellten sich dreißig Schüler in den Dienst am Südbahnhof, sei es für durchreisende, ins Feld ziehende oder verwundet und krank heimkehrende Krieger; vierundzwanzig verrichteten Botendienste, zwölf Feldarbeiten. Eine rege Beteiligung fand bei den verschiedenartigen Geld-Sammlungen statt; große Mengen von Gaben aller Art wurden gespendet, Liebesgaben ins Feld gesandt, teils an Lehrer des Kollegiums, teils an Marine- und andere Heeresabteilungen. Noch in den leizten Wochen brachten die Schüler über 21 000 Mk. in Gold zur Umwechslung. Einen großen Umfang hatte auch die Metallsammlung.
Nachdem auch Oberlehrer Seis, der bis dahin die Geschäfte des Direktors geführt hatte, einberufen war, mußte der Unterzeichnete die Leitung übernehmen und führte sich am 15. Oktober mit folgender Ansprache ein:
Liebe Schüler! Das Königliche Provinzial-Schulkollegium in Cassel bittet mich, zu den Sorgen für mein Kaiser Friedrichs-Gymnasium auch noch die für die Sachsenhäuser Schwester-Anstalt, die Verwaiste, zu übernehmen, So seid Ihr mir nun— auf kürzere oder längere Zeit, wer weiß es?— anvertraut, und ich muß Euch kennen zu lernen suchen, um über Eurem Wohle wachen zu können. Ich liebe alle brave, tüchtige Jugend, und so möchte ich auch Euch zu fördern suchen nach meinen Kräften und nach meiner Zeit, die mir das Hauptamt läßt. Ihr müßt mir willig entgegenkommen, und vor allem möchte ich Euch in dieser Stunde eins ans Herz legen, das Euch nützen möge, auch wenn bald ein anderer Ersatz für Euren im Felde stehenden Direktor gefunden sein sollte. Ein jeder von Euch muß in dieser ernsten, eisernen Kriegszeit immer wieder die Frage sich vorlegen: Habe ich, der Knabe, nicht auch eine besondere Pflicht gegenüber dieser großen Zeit, gegenüber dem Vaterlande, für das Vater oder Brüder und Verwandte draußen im Felde unbeschreibliche Anstrengungen ertragen, ja Wunden und Tod erleiden? Ist es das Richtige, daß ich jetzt lässig und träge die Aufgaben der Schule erfülle oder daß ich meine Zeit mit diesem oder jenem kleinen Dienst in der Kriegsfürsorge verzettele und zersplittere?
Ein jeder muß sich sagen und es beherzigen: Alle tägliche Arbeit, die mich vorwärts bringt in Schule, macht mich auch brauchbarer für den späteren Dienst auf irgend einem Gebiete zum Wohle des großen Ganzen, des Vaterlandes.
Ob Ihr Euren Schriftsteller zu verstehen sucht oder einen Aufsatz anfertigt oder eine Rechenarbeit zu lösen Euch müht, immer kommt es auf Gewissenhaftigkeit an. Und seht: Die hat uns Deutsche groß gemacht in der Welt! Die Tüchtigkeit, die aus jener hervorgeht, hat den Neid der Völker erregt. Daher haben sich so schnöde die Engländer mit Belgiern und Russen und Franzosen und sogar mit den gelben Japanern verschworen, um das tüchtige, durch Gewissenhaftigkeit und Fleiß mächtig gewordene Deutschland niederzuzwingen, ja zu vernichten. Darum handelt es sich in dem großen, gewaltigen Völkerringen, das jetzt die ganze Welt erschüttert.
Auch Ihr Knaben müßt schon angesichts der großen Taten, die unsere Heere im Osten und im Westen vollbracht haben, das Eine spüren: Es ist nicht gleich, ob ein Volk für eine gerechte Sache, im Dienste der Wahrheit und Ehrlichkeit, mit gutem Gewissen kämpft— denn was haben wir Deutsche verbrochen?— oder ob ein Volk sich mit Trug und Lug, mit Hinterlist und Heuchelei wappnet, weil es sich im übrigen schwach fühlt. Denn das wißt auch Ihr aus Eurem Knabenleben: Wer lügt, ist feige; ihm fehlt der Mut der Wahrheit. Wenn Ihr die
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