Island-Brief.
Bericht von einer erkundlichen Studienreise. Efri-hvoll, den 20. Juli 1928.
Sehr geehrter Herr Direktor!
Ihrem Wunsche entsprechend, gebe ich Ihnen einen kurzen Bericht über den bis- herigen Verlauf meiner Reise zu dem sturmumbrausten Felseneiland. Wie weit entfernt diese Insel von der übrigen europäischen Welt liegt, das ist mir erst auf der Fahrt über den Ozean ganz bewusst geworden. Man braucht von Kopenhagen, das ich als Ausgangs- punkt wählte, fast 5 Tage bis zur Landeshauptstadt Reykjavik.
Nach 2 ½ tägiger Fahrt in nordwestlicher Richtung tauchten die Faroer auf, Ruinen eines alten, versunkenen vulkanischen Berglandes. In ihrem Aufbau wechseln schicht- weise Lagen von Basalt und Tuff miteinander. Die Gletscher der Eiszeit rundeten ihre Schroffen, und die Meeresbrandung höhlte tiefe Löcher in die Felsen. Steil und unzu- gänglich sind diese; nicht selten stürzen sie von 700 Meter Höhe senkrecht ins Meer hinab. Die Felsen tragen keine Bäume und haben nur etwas Graswuchs auf der Höhe, auf der zahllose Schafe weiden.
Wie ein ärmliches Dorf liegt das Städtchen Thorshavn auf der Insel Strömö in kleinem, engem Hafen. Hier im Schutz mächtiger Felsenwände zeigen die Niederungen spärlichen Baumwuchs. Lupinen und Klatschmohn wachsen in den sorgfaltig gehüteten Gärten. Freundlich blicken die kleinen, schwarz oder bunt gestrichenen Häuser von der Höhe. Kirche und Leuchtturm beherrschen das Bild.
Nach weiteren 1 ½ Tagen erreichte der Dampfer die Vestmanneyd die Westmänner- inseln, 7km von der Südküste entfernt. Finster drohend heben sie sich aus dem Meer. Die 14 Inseln liegen weit zerstreut. Als Wächter im Osten steht der trotzige Vulkan Helga- fell. Das Schiff hält gegenüber dem nördlichsten Teil der Hauptinsel Heimaey, deren schroffe Felsenmassen durch die Brandung in ein Labyrinth von Klüften und Höhlen umgestaltet sind. In den jäh abstürzenden und wild zerrissenen, grauschwarzen Wänden nisten unzählige Vögel: Lummen, Seepapageien, Alken, Môven und Basstölpel. Ihr durchdringendes Geschrei und Gekreische erfüllt die Luft und dringt bis zum Schiff herüber. Drohend und zornig wiederholt es das Echo der Felsen.
Nach kurzem Aufenthalt in Kaupstadur auf Heimaey ging es weiter um die Halb- insel Reykjanes. Ihre schwarzen Lavaberge heben sich als scharfumrissene Figuren vom Abendhimmel ab, und in der Ferne sind der Vulkankegel Hekla und das langgestreckte Kuppeldach des Eyafjallajökulls(Inselberggletschers) deutlich zu erkennen. Nach Norden zu entsteigt dem dunkelblauen Meere ein gewaltiger Schneekegel, oben in zwei Spitzen verlaufend, schimmernd, weiss und majestätisch. Das ist der Snaefellsjökull, dessen Vorgebirge die Westküste in zwei grosse Buchten zerteilt.—
Am 5. Reisetage gegen 8 Uhr abends lief das Schiff in Reykjavik ein. Die Stadt ist voller Gegensätze. Enge, winkelige, ungepflasterte Strassen, mit ärmlich aussehenden well- blechbeschlagenen Häusern, wechseln mit breiten, grosszügig angelegten Strassen, die neuzeitliche Steinhäuser aufweisen. Ueberall herrscht Sauberkeit und Ordnung, und am Hafen sowie in den Hauptstrassen ist reger Verkehr, der sich gegen Abend verstärkt. Automobile beleben das Bild, und besonders auffallend sind die isländischen Ponies,
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