Jahrgang 
914
Einzelbild herunterladen

35

Leider erlitt die Schule gleich nach Beginn des Schuljahrs einen schmerz- lichen Verlust durch das Hinscheiden der Schülerin der IX. Klasse, Lea Jonas, die an den Folgen einer Blinddarmentzündung ihren Eltern und Mitschülerinnen entrissen wurde. Mit den Angehõrigen haben wir die Trauer um den Heimgang des reichbegabten, herzigen Kindes in gleicher Stärke empfunden.

Die Frage einer möglichst individuellen Behandlung der Schüler und Schülerinnen hat das Lehrerkollegium im Laufe des Schuljahres lebhaft be- schäftigt. Besonders in den Aufnahmeklassen konnten Fehlgriffe in der Beurteilung der Fähigkeiten von Zöglingen nicht immer vermieden werden, da den Lehrkräften die Verhältnisse der neuen Zöglinge oft unbekannt waren; sie wussten nichts von der bisherigen körperlichen Entwicklung der Kleinen, ihrer täglichen Beschäftigung, ihrem Umgang, nichts von ihren haäuslichen Verhältnissen, geschweige denn von ihrem Seelenleben. Eine allgemeine pädagogische Forderung ist es aber, dass man das Kind nach seiner Eigenart, d. h. individuell, erziehe. Will der Lehrer das Kind mit schonender Hand in das Leben und die Gewohnheiten der Schule einführen, so muss er den Zögling nach dessen körperlicher, geistiger und sittlicher Beschaffen- heit kennen und auch wissen, wieweit die häuslichen Verhältnisse auf diese Eigen- schaften einwirken. Und da muss er weiterbauen auf dem, was das Elternhaus begonnen hat. Welche Summe von Beobachtungen und Erfahrungen haben die Eltern in dem Kind von der Geburt bis zum schulpflichtigen Alter gemacht! Mit Hilfe dieser im Elternhause gesammelten Erfahrungen würde vieles in der Schule aufgeklärt, manches einseitige Urteil vermieden, manche irrige Ansicht, die sich der Lehrer über einen Zögling gebildet hat, einer Rnderung unterzogen werden! Auf das Hand- in Hand-Arbeiten von Schule und Haus wird mit Recht so grosser Wert gelegt; wenn die Schule einer Ergänzung und Unterstützung durch das Haus bedarf, so ist hier der erste Punkt und die erste Gelegenheit, eine solche Verbindung her- zustellen, die wertvolle Ergebnisse zeitigen wird. Um nun die Lehrer und Lehrerinnen möglichst eingehend über die eintretenden Kinder zu orientieren, haben wir nach den Anweisungen von Schubert, Lange und besonders Hartmann(Analyse des kind- lichen Gedankenkreises) Fragebogen drucken und den Eltern der angemeldeten Kinder zur Ausfüllung zugehen lassen, auch an einem Elternabend Zweck und Nutzen dieser Bogen klargelegt. Die Fragebogen enthalten genau formulierte Fragen über die körperliche Entwicklung wie über das Vorstellungs-, Gefühls- und Willensleben des Kindes; sie werden beim Eintritt des Kindes in die Schule dem Klassenlehrer abgegeben, der am Ende des ersten Schuljahres auf Grund seiner Beobachtungen Ergänzungen einträgt und die Bogen dann dem Lehrer der nächsten Klasse übergibt. Durch Fortführung der Listen bis in die oberste Klasse sollen Lehrer und Lehrerinnen einen möglichst genauen Uberblick über die weitere körper- liche und geistige Entwicklung des Zöglings erhalten, und eine zutreffende Beurteilung des Zöglings wird dann eher ermõöglicht werden.

Weitere Beratungen galten einer Neugründung, die dazu bestimmt ist, kommenden Geschlechtern ein mõglichst treues Bild von den Lehrm ethoden,