Jahrgang 
1915
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Nach den Sommerferien kam der Krieg. Der Unterricht begann daher(am 4 Auguſt) mit einer ernſten Feier, die Profeſſor Siebert mit einem eindringlichen Gebet eröffnete. In demfelben Sinn wurden die bedeutſamſten Siege in ähnlicher Weiſe wie an ſämtlichen Höheren Schulen der Stadt durch Schulfeiern begangen und erläutert; ebenſo der Sedantag und das Kaiſerfeſt.

In das Schulleben ſelbſt griff der Krieg inſofern ein, als nacheinander Lehrer Wilhelm Lehr und Rabbiner Dr. Salzberger(am 16. Oktober), am 20. Oktober Profeſſor Siebert und am 18. Oktober Schuldiener Iſtel zum Heeresdienſt einberufen wurden. Rabbiner Dr. Salzberger ſteht als Geiſtlicher im Felde; Profeſſor Siebert dient im Gefangenenlager zu Meſchede, Schuldiener Iſtel arbeitet hier an der Ausbildung der Rekruten. Bereits zur Fußartillerie eingezogen, erwarten ihre Ein⸗ berufung Oberlehrer König und die Lehrer Kritz und Wollſtähter, ſowie der Heizer Leich, der zum Dienſt in der Marine vorgeſehen iſt.

In Profeſſors Sieberts Stunden teilten ſich die Damen Barth und Dr. Geering (durch Kombination der Parallelklaſſen in evangeliſcher Religion) mit Profeſſor Dr. Buchegger (2 Deutſch S l) und Fräulein Enneccerus(2 Geſchichte in IIa) und dem Direktor, der 3 Stunden Deutſch und 2 Stunden Geſchichte in IIb übernahm und 2 Stunden Geſchichte in Ib mit Ia vereinigte. Den Unterricht des Herrn Rabbiners Dr. Salzburger übernahm unter Verkürzung Herr Rabbiner Dr. Lazarus. In die Stunden des Herrn Lehr, der übrigens Ende Februar mit leidender Geſund⸗ heit wieder in ſeine Arbeit eintrat, teilten ſich die Lehrkräfte der Übungsſchule, die auch für die heeres⸗ pflichtigen Herrren Kritz und Wollſtädter eintreten werden.

Auch das Schulleben, ſo treu die tägliche Arbeit fortgeſetzt wurde, ließ ſich freudig von der allgemeinen Opferwilligkeit mit fortreißen. Alle unſere Schülerinnen machten ausgiebigen Gebrauch von der Erlaubnis, während des mündlichen Unterrichts zu ſtricken; den Bedarf an Wolle brachten ſie in den Anfangswochen ſelbſt mit; ſpäter wurden dazu die aus früheren Schenkungen(auch einer neuen von Herrn Dr. Schwartze 30 und ſeiner Mutter, Frau Profeſſor Dr. Schwartze, 20 Mk.) entſtandenen Erſparniſſe zum großen Teil dafür verwendet. Große Mengen von Strümpfen, wollenen Hemden und anderem Unterzeug konnten wir an die Kriegsfürſorge abliefern. Aber auch im Schulhaus ſelbſt zogen die Feldgrauen ein: Am 16. November bot das Oberlyzeum einer Anzahl(etwa 120) Verwundeten, die aus den hieſigen Lazaretten geladen waren, eineKaffeeſchlacht. Zwiſchen Otto LudwigsTorgauer Heide und SchneidersKurmärker und Pikarde ſchoben ſich Vorträge und vaterländiſche Geſänge, die von unſerem Herrn Süß mit gewohnter Sorgfalt eingeübt und geleitet wurden. An den Geſängen wie an der Darſtellung beteiligten ſich auch Schüler der oberen Klaſſen des uns benachbarten Leſſing⸗Gymnaſiums mit erfreulichem Eifer. Die eingeübten Theaterſtücke leiteten Herr Oberregiſſeur Karlheinz Martin und Regiſſeur Odemer, während Herr Direktor Arnold uns aus dem Beſtand der Vereinigten Stadttheater die nötigen Koſtüme und Gebrauchsgegenſtände unentgeltlich überließ und Herr Obergarderobier Zimmer ebenſo unentgeltlich die Aufmachung anordnete und überwachte. Die Schülerinnen aber hatten die Freude, ihre Gäſte in der Pauſe mit Kaffee und Kuchen zu erquicken, den ihre Eltern geſtiftet hatten. Den lebhaften Dank unſerer Verwundeten geben wir weiter an alle, die unſere Veranſtaltung in vaterländiſchem Geiſte gefördert haben, insbeſondere an Herrn Direktor Arnold ſowie die Herren Martin und Odemer.

Eine zweite Veranſtaltung, die ſich angeſichts der Einſchränkung des Mehlverbrauchs ohne Dar⸗ bietung von Erfriſchungen abſpielen ſoll, findet am Nachmittag des Palmſonntags, den 28. März ſtatt.

Auch ſonſt übernahmen die Schülerinnen des Oberlyzeums und der Übungsſchule bereitwillig jede Arbeitsleiſtung im Dienſte des Vaterlandes. Eine Geldſammlung, die die Männerortsgrnppe Frank⸗ furt a. M. des Vereins für das Deutſchtum im Ausland veranſtaltete, um zu der Unterſtützung aus dem Feindesland ausgewieſener Deutſchen beizutragen, vollzogen die Schülerinnen des Oberlyzeums mit Eifer und Geſchick: die Sammlung ergab über 2000 M., womit viel Not gelindert werden konnte. Am Raupenleſen nahmen einige Klaſſen der Übungsſchule teil, und beſonders erfolgreich wirkten auch die kleinen Mädchen an der Sammlung von Goldſtückchen mit: obgleich dieſe Arbeit etwas ſpät einſetzte, brachten doch Oberlyzeum und Übungsſchule 4000 M. zuſammen.

Unſere Schulausflüge waren mit gutem Erfolg erledigt, als der Krieg ausbrach. Das Schulleben hat ſich ihm angepaßt: ein Elternabend am 5. März vereinigte die Eltern der Schülerinnen des Oberlyzeums und der Übungsſchule zu einem Vortrag, den Fräulein Erna Gadesmann freund⸗ lichſt übernommen hatte und mit ſachkundigem und warmem Empfinden wirkungsvoll durchführte.