Jahrgang 
1915
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III. Geschichte der Anstalt.

1. Zur Schulgeschichte.

a. Von Ostern 1914 bis zum Ausbruch des Kriegs.

Als am 21. pril das neue Schuljahr begann, da hätte wohl keiner von uns, weder Lehrer noch Schüler geahnt, welchen gewaltigen Ereignissen wir entgegen gingen. Drohende Gewitterwolken standen zwar schon lange am politischen Horizont, aber daß es so bald zum Ausbruch des Kriegs kommen sollte, daran dachte wohl niemand Doch, dank der Fürsorge Seiner Majestät unseres Kaisers, dem klaren Blick und der bereiten Opferwilligkeit unseres Volkes war Deutschland nicht unvorbereitet. Als daher unsere Gegner, deren Neid und Haß Deutschlands Macht und Größe und Ueberlegenheit auf so vielen Ge- bieten schon lange erregt hatte, über uns herzufallen im Begriſi standen und uns zu schrecken gedachten durch die Zahl ihrer Truppen und gleichzeitige Angriffe von Osten und Westen, da lernten sie den wahren Wert des deutschen Militarismus kennen und sahen sich einem Volk gegenüber, das wohl gerüstet war in jeder Be- ziehung, einem Volk, das sich eins fühlte in jedem und allem mit seinem Herrscher, und das bereit war, Qut und Blut, und sei es bis auf den letzten Mann für sein ge- liebtes Vaterland zu oplfern, und bereit war und bereit ist, durchzuhalten mögen auch noch soviel schmerz- liche Verluste und Entbehrungen an den einzelnen heran- treten bis ein ehrenvoller Friede geschlossen wird, der Deutschlands Größe voll und ganz anerkennt und auch die Gewähr dafür bietet, daß wir lür absehbare Zeit wieder in ungestörtem Frieden leben können, geachtet und an- erkannt, und wenn es sein muß, auch gefürchtet von unsern Gegnern. Dies zu ermöglichen, dazu gehört vor allem die volle Einmütigkeit und die ſeste Entschlossen- heit unseres Gesamtvolkes zum Durchhalten bis zum letzten Augenblick; daß aber auch die deutschen Lehrer und Schüler voll und ganz von diesem ſesten Willen beseelt sind, davon kann man sich auch aus dem folgenden schlichten Bericht überzeugen, aus dem man ersieht, wie Lehrer und Schüler, soweit sie eben rüstig und kräftig

enug waren, freiwillig und freudig hinauszogen zum chutz von Haus und Herd, wie aber auch andererseits die zurückgebliebenen Lehrer, denen es zu ihrem großen Schmerz nicht mehr vergönnt war, als Streiter im Kampf mitzuwirken, ihr Möglichstes taten, um die ihnen anver- traute Jugend auch unter den so sehr erschwerten Ver- hältnissen weiter zu fördern und zu echten deutschen Männern heranzubilden, und wie andererseits auch unsere lieben Schüler alles aufboten, um sich in jeder Weise für unser geliebtes Vaterland zu betätigen. Gott gebe, daß die allseitige bereitwillige Betätigung aller, der drinnen wie draußen, bald durch den Erfolg gekrönt werde.

Nachdem bereits am Nachmittag des 21. April für die in Vorschulklasse 3 aufgenommenen Schüler eine kleine Feier stattgelunden hatte, begann das Schuljahr am 22. April. In seiner Ansprache zur Eröffnung des neuen Schuljahres hieß der Direktor die neu eintretenden Herren, den wissenschaftl. Hilfislehrer Herrn Dr. Protz und die Probekandidaten Herren Dr. Lenz und Dr. Sauer willkommen. Dem Hilislehrer Herrn Dr. Beyer war für das ganze Schuljahr ein Urlaub zu wissenschaftlichen Studien erteilt worden.

Am 27. April wurde in der fünften Stunde eine Feier zur 50 jährigen Wiederkehr der Gedenktage der

Befreiung Schleswig-Holsteins abgehalten. Das von dem Herrn Minister zur Verfügung gestellte Buch: Düppel und Alsen, Schleswig-Holsteins Befreiung 1864 von W. von Bremen wurde dem Unterprimaner Hans Bilgerüberwiesen. Außerdem wurde dem Obersekundaner Hans QGumbel und dem Obertertianer Rudoll Baer je ein Abzug der im Besitz Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin belindlichen Originalniederschrift des Liedes An Schleswig-Holsteinvon N. F. Chemnitz überreicht. Beide Abzüge waren uns ebenfalls von dem Herrn Minister zugesandt worden mit dem Auftrage, sie bei dieser Feier würdigen Schülern zu übergeben. Damit aber auch alle übrigen Schüler in den Besitz dieses mit der Wiedergabe der Gruppe Schleswig-Holstein am Kaiser Wilhelm-Denkmal in Riel geschmückten Gedenkblattes kommen konnten, stiftete Herr Kommerzienrat Bernhard Kahn für jeden Schüler der Anstalt ein Blatt.

Am 9. Mai ſand in der letzten Stunde eine Feier zur Erinnerung an die vor 50 jahren erfolgte Gründung desDeutschen Roten Kreuzes statt. Herr Sani- tätsrat Dr. von Wild wies in eindringlichen Worten auf die freiwillige Krankenpflege im Kriege und auf die zu Gunsten des Roten Kreuzes für den 10. und 11. Mai an- gesetzte Sammlung hin. Der Chor sang einige Lieder und der Unterprimaner Schlesicky trug das Gedicht Frühlingsgruß an das Vaterland von Max von Schnecken- dorff vor und der Oberprimaner Paul Rosengart das Gedicht von Emmanuel GeibelZur Friedensfeier. An der Sammlung für das Rote Kreuz beteiligte sich an den beiden ſolgenden Tagen eine größere Anzahl unserer Schüler.

Am 12. Mai verließ uns der Probekandidat Herr Dr. Lenz, um den Rest seines Probejahres an der Real- schule der israelitischen Gemeinde abzuleisten.

Am 109. Mai wurde das Maiſest in der gewohnten Weise abgehalten. Die Klassen unternahmen unter Führung ihrer Klassenlehrer Kusflüge in die nähere und weitere Umgebung Frankſurts. Während die Vorklassen in den Frankjurter Stadtwald zogen, suchten die Schüler des Realgymnasiums den Taunus, den Spessart, den Odenwald und den Rheingau auf. Ueberall waren unsere Schüler von dem herrlichsten Wetter begünstigt. Unsere Ober- primaner hatten noch die besondere Freude, daß sich ihnen in Heidelberg 6 Studenten, frühere Musterschüler, in alter Treue und Anhänglichkeit an unsere Schule an- schlossen und den Rest des Tags mit ihnen zusammen verlebten.

Während der Pfingstferien(29. Mai 5. Juni) nahm der Direktor an dem Allgemeinen Neuphilologen- Tag in Bremen teil und hielt im Anschluß hieran bei den rechts- und staatswissenschaftlichen Ferienkursen in Jena einen Vortrag überDie Förderung der Ausdrucks- fähigkeit im Deutschen in der Schule.

Am 20. Juni wohnte dem englischen Unterricht in Il bis das englische Seminar aus Marburg(50 bis 60 Herren und Damen) unter der Führung des Lektors Herrn Dr. George W. Glover bei. Herr Universitätsprofessor Dr. Viëtor war durch Unpäßlichkeit am Erscheinen ver- hindert, was wir um so mehr bedauerten, als wir den Bahnbrecher der Reform des neusprachlichen Unterrichts dem wir soviel zu danken haben, gern bei uns gesehe