Jahrgang 
1911
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Höhen an vielen Soldatengräbern vorbei zu dem Roten Berge, wo der Schlachtengott die schwersten Opfer gefordert hatte. Hier, an der Stelle, wo der heldenmütige François für das Vaterland verblutete, wurde das rege Interesse, das alle erfüllte, zu erwartungsvoller Spannung gesteigert, als ein Veteran des großen Krieges, Herr Rechnungsrat Kobelke, mit dem eisernen Kreuz geschmückt, uns von dem wilden Ringen an diesem gefährlichen Punkte erzählte und die Feldflur zeigte, wo er selbst als Führer eines Zuges im Feuer gestanden. Das Kaiserhoch und die hier aus dankbarem Herzen aufsteigenden Klänge der Nationalhymne lösten den weihe- vollen Ernst der Stimmung. Auf der Rückkehr nach Saarbrücken beschloß eine Huldigung für die gefallenen Helden imEhrental die Erinnerung an jene Schlacht(in der zwarnicht der preußische General, so doch der preußische Soldat den Feind besiegt hat), und kurze Zeit darauf entführte uns das Dampfroß über die lothringische Hochfläche nach dem Haupt- ziel unserer Fahrt, nach Metz. Dort hatten wir noch an demselben Abend die Freude, bei festlichem Abendessen außer zwei Schülervätern einen alten begeisterten Musterschüler, Herrn Postdirektor Ihm und auch unseren Führer für die Metzer Tage, Herrn Oberleutnant Freiherrn v. Seckendorff, den eifrigen Förderer der Pfadfinderbewegung, begrüßen zu können. Dank- bar wurde auch des Herrn Obersten IIse gedacht, der nicht nur diesen trefflichen Führer vermittelt, sondern auch durchaus zweckbewußt unseren jungen Leuten das billige Nachtquartier (4 Pfennige!) in den leeren Mannschaftsstuben der Kaserne des 67. Infanterieregiments besorgt hatte, sodaß mit Kasernenzucht und Zapfenstreich der zweite Tag den rechten Abschluß fand. An den rebenbedeckten Hängen des ehemaligen St. Quentin entlang ging die Fahrt am Morgen des dritten Tags in das romantische Tal von Chatel hinein, von wo der Aufstieg zu den sich weit von Süden nach Norden hin ausdehnenden Schlachtfeldern von Gravelotte und St. Privat erfolgte. An dem einfachen Denkmal der 67 er,unseres Regiments, erklärte Herr Oberleutnant v. Seckendorff die Vorgänge auf dem südlichen Schauplatz, besonders die furcht- baren Kämpfe um die Höhen der berüchtigten Schlucht und den Pachthof St. Hubert, an dem vorbei wir dann durch den Hohlweg der Chaussee nach Gravelotte zu dem Teil der Schlucht hinabstiegen, wo sich die erschütterndsten Szenen der Schlacht am 18. August abgespielt hatten. Drüben auf halber Höhe sahen wir die bronzene Bildfigur des schönen Jägerdenkmals, einen in Begeisterung vorstürmenden 1†. Jäger, der anfeuernd über den freien Wiesengrund hinweg nach den steilen Ostabhängen hinzeigt, die der deutsche Soldat in glühender Hitze, fast verschmachtend auf wasserlosem Gelände, mit Staub und Schweiß und Blut bedeckt, in vielstündigem Ringen einem Feinde hatte nehmen müssen, der alle Gunst der Verteidigung ausnützen konnte. Und als wir dann zu Gravelotte in der Gedenkhalle auf den Marmortafeln von den großen, nur allzugroßen Verlusten der einzelnen Regimenter gelesen und unser Direktor an dem kanonen- und granatenumzäunten Felsblock von Mogador, dem Standort König Wilhelms, der gefallenen Tapferen gedachte, die den Heldentod für des Vaterlandes Einheit und Größe gestorben, da waren wir uns erst voll bewußt, was jene auserkorene Generation Großes voll- bracht. Tiefer ergriffen und stolzer zugleich haben wir das Lied der Deutschen nicht gesungen als auf der Höhe bei Gravelotte. Nachdem unser verehrter Führer noch einen Überblick über den Gesamtverlauf der ganzen Schlacht gegeben, fesselte uns auf dem Weitermarsche auch ein liebliches Bild, das epheuumsponnene, zwischen Parkbäumen halbversteckte alte Schloß von Vernéville, ein malerischer Anblick, der dann auch die Skizzierstifte der Jünger unseres Herrn Freund in erfolgreiche Taätigkeit setzte. Am Denkmale der Schleswig-Holsteiner er- läuterte Herr v. Seckendorff noch das mittlere Schlachtfeld, wobei er besonders des Zusammen- bruchs der braven Schleswig-Holsteinischen Batterien gedachte, und dann ließen es sich unsere Schüler nicht nehmen, nunmehr unter Pfadfindergeleite, das französische Eck zu durchqueren und auch dem jugendlichen Selbstgefühl, das die Brust spannte, beim Uberschreiten der Grenze in spontaner Weise Ausdruck zu geben. Nur kurze Rast mit beängstigend vielen cartes illustrées in dem französischen Habonville, und vor uns dehnte sich das weite, weite Blachfeld aus, das sich von Westen und Nordwesten her ganz allmählich zu dem burgartig drohenden St. Privat hinaufzieht, dem Standort des wackeren Canrobert, der von den französi- schen Garden schmählich im Stich gelassen, dem todesmutigen Ansturm der Sachsen und des preußischen Gardekorps weichen mußste und damit, selbst schuldlos, die Katastrophe der