Jahrgang 
1895
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schaft gestaltet hat, auch von Familie zu Familie. Die anregende Berührung mit Ihnen, die zu meiner eigenen Ausbildung von hohem Wert gewesen, werde ich schwer vermissen, aber stets werde ich Ihnen ein dankbares und freundschaftliches Andenken bewahren und bitte Sie das Gleiche in Bezug auf mich zu thun, so daß der Zusammenhang zwischen uns durch mein Ausscheiden aus dem Kollegium nicht aufgehoben ist.

Hierauf trat der Unterprimaner Heinrich Kaysser an den scheidenden Herrn Direktor heran und sprach im Namen seiner Mitschüler folgende Abschiedsworte:

Hochverehrter Herr Direktor!

Es ist mir von meinen Kameraden der Auftrag erteilt worden, am heutigen Tage, da Sie im Be- griffe stehen, in das Privatleben zurückzutreten, einige Worte des Abschieds an Sie zu richten.

Wohl hat die Schule zu Ehren des Tages ein festliches Gewand angelegt. Allein nicht Freude und Frohsinn erfüllt die Herzen der Schüler, die diese Ausschmückung veranlaßt haben. Schon als die erste Nachricht von Ihrem bevorstehenden Rücktritte bekannt wurde, entstand allgemeines Be- dauern unter uns...

Der Gedanke an eine Trennung von Ihnen, Herr Direktor, den wir als einen wahren Meister Ihres schweren Berufes verehren und ferner daran, daß es uns nicht mehr vergönnt sein sollte, unter Ihrer Leitung das Ziel der Schule erreichen zu können, erregte tiefe Trauer.. 3

Da Sie nun heute zum letzen Male als Direktor zu uns reden werden, haben wir nicht ver- gessen, uns in Dankbarkeit Ihrer Verdienste um unsere Erziehung zu erinnern. Mit Ihrer Hülfe sind wir mehr oder minder nach der Stufe, die ein jeder von uns erreicht hatte, in die Tiefen der Geschichte und der deutschen Sprache eingedrungen. Sie suchten unter Bezugnahme auf diese Wissenschaften unseren Gesichtskreis zu erweitern und unser Urteil zu reifen. Eine allgemeine Bildung des Herzens wie des Verstandes uns zu verschaffen war der Zweck Ihrer Arbeit. Jener Vers,*) den Sie selbst einst zum Wahlspruch unserer Schule erkoren hatten, sollte uns stets die Mannestugenden ver- gegenwärtigen. Wenn wir uns allmonatlich an dieser Stätte zu einer Morgenandacht versammelt haben, so hielten Sie uns damit zu deutscher Frömmigkeit an. Wiesen Sie uns in dem Unterrichte auf die Kriegshelden unseres Volkes hin, so feuerten Sie uns dadurch an, der Tapferkeit dieser Männer unserer Nation aus allen Kräften nachzueifern; und wenn Sie die Gründe der großen geschichtlichen Ereig- nisse erklärten, so gaben Sie unseren Augen die Klarheit, die uns im Leben später die Beurteilungen erleichtern soll. Da Sie uns auch so oft zur Wahrheit der Rede ermahnten, so setzten Sie unserem Streben als Ziel das Bild eines solchen idealen Mannes.

Herr Direktor! Für alle Mühe und Arbeit, die Sie auf unsere Ausbildung verwendet haben, werden wir stets in Dankbarkeit Ihrer gedenken. Wir haben unserer Zuneigung in der Ausschmückung der Anstalt und einigen kleinen Widmungen Ausdruck gegeben. Allein wir können und wollen Ihnen noch einen höheren Beweis unserer Dankbarkeit liefern. Hatten Sie uns beim Eintritt in das Real- gymnasium durch Handschlag verpflichtet, mit aller Kraft, Lust und Liebe unseren Aufgaben ob- zuliegen, so versichere ich Ihnen heute, daß wir Ihrer Leitung und Ihrem Namen dereinst Ehre zu machen stets bestrebt sein werden.

Bewahren Sie uns auch fernerhin, hochverehrter Herr Direktor, ein freundliches Andenken, wenn schon Sie die Stadt zu verlassen gesonnen sind. Wir, Ihre Schüler, werden Sie, unseren Meister, dem wir einen großen Teil unserer Bildung verdanken, der uns stets mit Rat und That zur Seite gestanden und für die Käůmpfe des Lebens mit den nötigen Waffen gerüstet hat, niemals vergessen.

Im Namen meiner Kameraden nehme ich von Ihnen Abschied:Leben Sie wohl!

Dem Primaner Kaysser entgegnete tiefbewegt Herr Direktor Eiselen:

Mein lieber junger Freund, herzlich freue ich mich über die in Ihrer Rede ausgesprochene Ge- sinnung; ich darf mit Bestimmtheit annehmen, daß der Ausdruck derselben ein vollständig aufrich- tiger ist. Gern hätte ich meinen Unterricht noch fortgesetzt und namentlich die Generation, der Sie selbst angehören, bis zum Abschluß ihrer Schullaufbahn geführt, aber ich mußte mich überzeugen, daß ich mein Amt nicht länger beibehalten konnte. Auch liegt mir die nächste Generation wieder am Herzen, und so wäre immer wieder eine folgende herangekommen. Einmal mußte die Trennung doch stattfinden. Ich habe viel Freude im Verkehr mit den Schülern gehabt und auch viel Dank von dort erfahren. Mancher tüchtige junge Mann ist aus der Schule hervorgegangen. Wenn Ihr, die Ihr jetzt Schüler der Anstalt seid, die Gesinnung bethätigt, der Euer Vertreter eben Ausdruck gegeben hat, so ist der Zweck der Schule erreicht. Insbesondere danke ich noch Euch, liebe Schüler der beiden oberen Klassen, für den litterarischen Vorrat, den Ihr mir mit auf den Weg gegeben**). Wenn mein Augenleiden, wegen dessen mir der Arzt das Schreiben und Lesen verboten hat, einigermaßen, wie ich hoffe, überwunden sein wird, dann denke ich auch der großen Bändezahl Herr zu werden,

*) Ein frommes Herz, ein tapfres Erz, das Auge klar, die Rede wahr, Das steht wohl an und ziemt dem Mann. **)Oeuvres complètes de Lanfrey. 15 Bände. Eugen Guglia, Leopold von Rankes Leben und Werke. Oskar Lorenz, Leopold von Ranke. Die Generationslehre und der Geschichtsunterricht.