Jahrgang 
1874
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nicht zufrieden; man wollte esnoch ſchöner hören. Nach mancher vergeblichen Bemühung kam end⸗ lich mit bedeutender Hülfe des Lehrers heraus:Der Stengel iſt vierkantig, behaart und hohl Warum diesnoch ſchöner ſei als die vorige Faſſung, hat wohl der Schüler nicht eingeſehen; ich muß geſtehen, daß ich es eigentlich auch nicht einſehe. Dem Achtjährigen iſt es ganz natürlich, das Subſtantiv zu wiederholen; man mag ihn dabei laſſen. Der Zwölfjährige wird es, auch ohne daß wir in früheren Klaſſen ſolche Uebungen vorgenommen haben, von ſelbſt nicht mehr thun; er wird aber vielleicht noch zwiſchen die einzelnen Adjektive immer einund ſetzen. Tadeln wir ihn darum nicht! Wenn er einmal der Schule entwachſen iſt, läßt er vielleicht auch die unnöthigenund weg er thut dies ohne unſer Zuthun.

Laſſen wir doch die Kinder ſo ſprechen, wie es ihnen natürlich iſt. Wirkliche Fehler aller⸗ dings müſſen wir verbeſſern. Und unſer eigenes Sprechen(auf das wir in der Schule recht wohl zu achten haben!), und was das Leſebuch den Schülern gibt, das wird ihr Sprachgefühl ſtärken. Das Uebrige thut die Zeit. Verſuchen wir aber doch nicht, eine Blüte zu öffnen, wo die Knoſpe noch geſchloſſen iſt.

Satzverbindung und Satzgefüge.

Wir ſind hier einige Jahre weiter, in einer Klaſſe von zwölfjährigen Schülern. Ein Aufſatz wird durchgenommen: Beſchreibung eines Ausflugs nach Königſtein im Taunus. Es kommt vor: Wir gingen auf die Burg und da ſtiegen wir auf den Thurm. Es wird dann geſagt, was von da aus all zu ſehen geweſen. Man wendet ein:Du mußt nicht ſo einförmig ſchreiben, nicht lauter Hauptſätze machen; ſage doch lieber: Wir gingen auf die Burg, woſelbſt wir den Thurm beſtiegen.

Warum denn ſoll der Knabe nichtſo einförmig ſchreiben? Er berichtet von ſeiner Reiſe, er erzählt ein Erlebnis nach dem andern, eine Handlung nach der andern; die eine iſt ihm ſo wichtig wie die andere; es iſt ihm ganz natürlich, daß er jede durch einen Hauptſatz ausdrückt. Daß nun dabei eine gewiſſe Einförmigkeit herſcht, liegt hier einerſeits im Stoffe, andrerſeits im Alter des Schreibers. Wäre die Aufgabe eine andere geweſen, etwa die, ein Spiel, z. B. das Schlagballſpiel, zu beſchreiben, oder die, anzugeben, was die Schwalbe von der Zeit ihrer Rückkehr an all zu thun habe, bis ihr Neſt vollendet daſtehe: dann würden ſich auch ganz von ſelbſt Nebenſätze finden. Und wäre der Erzähler einige Jahre älter geweſen, dann hätte er es eher verſtanden, Hauptſachen von Nebenumſtänden zu ſcheiden und letztere in Form von Nebenſätzen zu bringen. Dann wäre alſo die Einförmigkeit, die wir hier haben, nicht eingetreten. Bei der Löſung der vorliegenden Aufgabe aber kann man es dem Zwölfjährigen nicht verargen, wenn er in faſt lauter Hauptſätzen denen ſich aber allerdings hie und da wenigſtens ein Adverbialſatz der Zeit oder des Grundes beimiſchen wird ſeine Beſchreibung liefert. Der Lehrer muß wenigſtens ſehr vorſichtig im Tadel und im Vorſchlag zur Anderung ſein, damit nicht die Arbeit des Knaben ein unnatürliches, altkluges Ausſehen gewinne.

Daß Hauptſachen in Hauptſätzen, anderes in Nebenſätzen ausgedrückt werde, lernt der Schüler am beſten durch ſorgfältige Analyſe ſprachlich muſtergültiger Leſeſtücke; und ſolche Betrach⸗ tungen werden, nebſt der dem Alter entſprechenden Zunahme der geiſtigen Reife, ohne Zweifel auch auf die Ausbildung des Stils einwirken.

Im vorliegenden Falle nun den ich faſt gerade ſo wiedergebe, wie er vorgekommen