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auch in Goethes Fauſt vorkommenden— guten ſüd⸗ und weſtdeutſchen Samſtag durch den nordiſchen Sonnabend erſetzt.
In vorliegendem Falle war alſo eine dem Schüler ertheilte Rüge durchaus nicht am Platze. Wäre aber wirklich der Ausdruck nur in unſerm engeren Bezirke heimiſch, auch dann wäre er nicht zu tadeln, ſondern es wäre nur neben ihm nur der allgemeiner in der Schriftſprache angenommene Aus⸗ druck zur Kenntnis zu bringen geweſen. In unſerer Gegend nennt man das Kaninchen Stallhaſe, die Fledermaus Speckmaus, den Eichelhäher Herrnvogel(am Taunus wohl auch Markloff), den Trut⸗ hahn Welſch, das Rebhuhn Feldhuhn, die Eidechſe(am Taunus) Schießotter, die Nacktſchnecke Schnegel, einen Steinklee Mottenkraut, die wilden Ranunkeln Butterblumen, die Nelke Grasblume, die Robinie (wie wohl in einem großen Theile von Deutſchland) Akazie, den Mohn(wie ſchon bei Hieronymus Bock) Magſamen, den Löwenzahn Kettenblume, die Stachelbeere Kloſterbeere. In den beiden nord⸗ öſtlich von unſerer Stadt gelegenen Ortſchaften Seckbach und Bergen heißt die Pulſatille(Küchenſchelle) Lorblume; ſie wächſt nämlich häufig auf einer zwiſchen beiden gelegenen Anhöhe, die den Namen Lorberg führt.— Alle dieſe Ausdrücke mag man in beſchränktem Kreiſe neben den allgemeiner ange⸗ nommenen gelten laſſen. In Göttingen heißt die Bachſtelze Ackermännchen; auch dort wird ohne Zweifel, und mit Recht, in Schulen dieſer Name neben dem Namen Bachſtelze gehört und nicht beanſtandet. Ebenſo geht es gewiß im Norden von Deutſchland mit den Namen Kronsbeere(Preiſel⸗ beere) und Bickbeere(Heidelbeere), die dort jedermann gebraucht.— Ausdrücke, die wirklich gemein lauten oder die geradezu falſch ſind, dürfen allerdings in Schulen nicht geduldet werden. Zu den letzteren gehört der Name Einhorn, der in unſerer Gegend von manchen, die damit hochdeutſch zu ſprechen vermeinen, dem Ahorn gegeben wird.
Einige der mundartlichen Ausdrücke bieten etwas recht Bezeichnendes, das dem Lehrer Ge⸗ legenheit gibt, auf die Natur des betreffenden Gegenſtandes aufmerkſam zu machen,— eine Gelegen⸗ heit, die er ſich nicht ſollte entgehen laſſen.
Meine Anſicht iſt alſo folgende: Mundartliche Ausdrücke ſind, wenn ſie nicht entweder an ſich etwas Gemeines enthalten oder auf einem Misverſtändniſſe beruhen, in der Schule zu dulden; der Schüler, der ſie gebraucht, iſt nicht zu tadeln; ſie ſind, wo ſie ſich dazu eignen, zu Belehrungen zu benutzen; neben dem mundartlichen Ausdrucke iſt der allgemeiner angenommene zur Kenntnis zu
bringen.
Der Stengel iſt vierkantig, der Stengel iſt behaart.
Wir bleiben hier in derſelben Schülerklaſſe, die uns vorhin beſchäftigte. Die Taubneſſel (Lamium purpureum) wurde betrachtet. Eigenſchaften des Stengels waren anzugeben. Nachdem ſich mehrere Schüler daran betheiligt hatten, ſollte einer das, was vom Stengel zu ſagen ſei, zuſammen⸗ faſſen. Er ſagte:„Der Stengel iſt vierkantig, der Stengel iſt behaart, der Stengel iſt hohl.“ Man wollte dies nun aber„ſchöner“ ausgedrückt hören. Der Schüler wurde darauf aufmerkſam gemacht, er brauche das Dingwort nur einmal zu nennen. Es war nicht ganz leicht, dies dem Achtjährigen be⸗ greiflich zu machen. Doch er gab ſich Mühe und ſagte:„Der Stengel iſt vierkantig und behaart und hohl“. Nun hätte man wohl ſich zufrieden geben und in der Stunde, die ja zur Pflanzenbetrach⸗ tung beſtimmt war, an einen andern Theil der Taubneſſel übergehen können. Man war aber noch


