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würde ich das Aufeinanderfolgen der zwei Hauptſätze nicht beanſtandet haben. Aber noch mehr: die vorgeſchlagene Form der Anknüpfung durch„woſelbſt“ halte ich gar nicht für richtig. Von meinem verehrten Lehrer Herling habe ich gelernt, daß es ein Fehler ſei, Hauptgedanken in Nebenſätzen aus⸗ zudrücken, und daß ſich ein Hauptſatz nicht auf einen vorhergehenden Nebenſatz beziehen dürfe;*) daß es alſo gegen die Reinheit des Stils verſtoße, nachdem es geheißen:„woſelbſt wir den Thurm be⸗ ſtiegen“, dann zu ſagen:„Von der Plattform desſelben aus ſahen wir den Rhein“ u. ſ. w.— Wir ſehen alſo, daß bei ſolchen künſtlichen Bemühungen leicht, ſtatt einer guten, eine fehlerhafte Schreibart zu Tage kommen kann.
Alſo Vorſicht, höchſte Vorſicht in dem Beſtreben, bei den Schülern einen guten Stil zu erzielen!
Ein anderes, höchſt ſeltſames Beiſpiel des Strebens, Stilfehler bei Schülern zu vermin⸗ dern, das mir einmal vorgekommen, will ich hier beiläufig anführen. Bei etwa elfjährigen Knaben wurde Satzlehre behandelt; man war an der Lehre von den Hauptſätzen. Zu dieſer Zeit wurde ein Aufſatz gegeben, und da hieß es:„Ihr müßt in lauter Hauptſätzen ſchreiben; Nebenſätze könnt ihr noch nicht bilden, denn dieſe haben wir noch nicht durchgenommen.“— Als ob ein Kind erſt dann gehen dürfte, wenn es in Klarheit über die Muskelthätigkeit iſt, oder eſſen, wenn es über die Ver⸗ richtung der Zähne und der Zunge theoretiſche Belehrung empfangen hat!
*) Herling, Grundregeln des deutſchen Stils, Frankfurt 1823, S. 78:„Ebenſo oft werden ſolche Relativ⸗ ſätze fehlerhaft gebraucht, wenn ſie an einen Satz Vorſtellungen knüpfen, deren logiſche oder rhetoriſche Würde einen Hauptſatz verlangt. c) Ich ließ mich an's Land ſetzen, wo ich von meinen Freunden mit aller Gefälligkeit aufge⸗ nommen wurde; ſtatt.... und wurde u. ſ. w. oder.... Hier wurde ich.“— S. 121:„Umgekehrt iſt die Unter⸗ ordnung eines Satzes fehlerhaft, wenn er ein Factum darſtellt, welches als ein Hauptfactum in die Reihe der übrigen Hauptfacten gehört, und alſo durch die Unterordnung in jener Reihe eine Lücke entſtände. a) Er beging mehrere Verbrechen, weßwegen er gefangen geſetzt wurde, und erhielt erſt heute ſeine Freiheit wieder.“
Von mancherlei Sprachlichem habe ich in dieſen Blättern geredet: von falſchen Formen, die noch immer als richtig gelten; von willkürlichen, unbegründeten Unterſcheidungen, die noch immer hie und da anempfohlen werden; von allzu frühen Bemühungen, den Kindern die Sprache gereifter Männer anzueignen. Was will ich nun all damit?—
Ich habe es oben ſchon geſagt; ich wiederhole es hier. Ich möchte gerne meinerſeits dazu beitragen, daß das Sprachgefühl unſerer Schüler nicht geſchädigt werde; daß die Schüler nicht mit Unnöthigem geplagt werden; daß nicht zu frühzeitig etwas mit Gewalt hervorgelockt werde, das ſich mit der Zeit von ſelbſt entwickelt. Im Intereſſe der Kinder habe ich geſprochen.
Aber auch im Intereſſe der Lehrer. Auch wir Lehrer haben recht viel zu thun; thun wir das nur ganz ernſtlich und gewiſſenhaft; quälen wir uns aber doch nicht mit vergeblichen Bemühungen, nur geeignet, unſere Erfolge zu verkümmern und ſomit auch die freudige Entwickelung der uns anvertrauten Jugend zu hemmen.
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Mittlere Bürgerſchule. 4


