Jahrgang 
1874
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Auf den erſten ſolle etwa die Antwort folgen können:Einen runden, odereinen alten u. ſ. w. Auf die zweite dagegen etwa:Ich habe einen Baum für einen Thurm angeſehen. Nun aller⸗ dings, wenn irgend ein Satz, möchte er auch ſprachrichtig ſein, es zweifelhaft ließe, welcher Gedanke damit ausgedrückt ſein ſolle, ſo dürfte man dieſen nicht gebrauchen; man müßte eine andere Faſſung wählen. Aber wegen einer ſolchen Undeutlichkeit in einem einzelnen Falle eine Regel aufſtellen zu wollen, das hieße doch der Sprache ungehörige Feſſeln anlegen. Sollte etwa der Knabe, der jene Regel gehört hat, glauben, in dem Gedichtchen vomRaben, an dem er ſich vor Jahren erfreut, habe in den Anfangsworten Was iſt das für ein Bettelmann der Dichter, Wilhelm Hey, einen Fehler gemacht?

Wie mir geſagt wird, wurde noch vor weniger als zwanzig Jahren in einem deutſchen Lehrerſeminar dasſelbe wie in jenem älteren Buche gelehrt. Die Seminarien haben aber in der That Nöthigeres zu thun, als ſich mit ſolchen Spitzfindigkeiten, die in der Sprache nicht gegründet ſind, zu befaſſen.

Solche übrigens, die doch noch an der Trennung der Wörter in dieſem fragenden Ausdrucke Anſtoß nehmen, wollen wir darauf hinweiſen, daß ähnliche Trennungen im engliſchen thatto und im hebräiſchen 5ᷣ Gu vergleichen mit dem mundartlichen:der Mann, wo ich mit gegangen bin) als durchaus ſprachrichtig gelten.

Der Heide, die Heide beſſer als: die Haide.

Wenn man von Frankfurt nach Bornheim geht, ſo führt der Weg wohl von der Fried⸗ berger Landſtraße durch eine ſchmale Gaſſe; an dieſer ſteht angeſchrieben Haideweg. Man kommt dann auf einen großen noch nicht mit Häuſern bebauten Platz und lieſt da Bornheimer Haide. In Bornheim ſelbſt iſt eine Haideſtraße. Auch ſonſt wird häufig ein Unterſchied in der Schreibung des Diphthongen bei den beiden in der Ueberſicht genannten Wörtern gemacht; aber ohne allen Grund. Die Ausſprache iſt ganz die gleiche; ebenſo aber auch die Abſtammung. Das Wort, das in unſerer Bibelüberſetzung durch Heiden verdeutſcht iſt, heißt im Hebräiſchen din oder G. B. Jer. 10, 15) dy, im Griechiſchen ro kSen. Dieſe Wörter bedeuten eigentlich nur Völker. Gemeint ſind aber allerdings die Völker, die nicht an Einen Gott glauben, alſo die Ungläubigen, oder, wie wir nun zu ſagen pflegen, die Heiden. Im Lateiniſchen wurde dies urſprünglich durch gentes(auch wieder: Geſchlechter, Völker) gegeben(daher das engliſche the gentiles, die Heiden). So in der vom heiligen Hieronymus(c. 330 420) verfaßten Vulgata. Als*) im vierten Jahrhundert im römiſchen Reiche das Chriſtenthum herſchend wurde, zog ſich der alte Götterglaube aus den Städten, wo er nicht mehr geduldet wurde, auf das Land, den Gau, den pagus zurück. Und ſo wurden nun von dieſer Zeit an die Heiden pagani, Landbewohner(im Gegenſatz gegen die Städter) genannt. Nach Du Cange kommt das Wort in dieſer Bedeutung zuerſt im Jahre 365 in der Literatur vor.**) Der heilige Auguſtin(354 430) ſagt: Deorum falsorum mutorumque cultores, quod usitato nomine Paganos vocamus. Und an einer anderen Stelle:Gentiles, quos Paganos dicimus.

*) Vgl. Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis, Paris, Didot, 1845, unter paganus. **) Sudhoff, Geſchichte der chriſtlichen Kirche, 2. Aufl. S. 179:Zuerſt findet ſich der Name pagani für Heiden in einem Geſetz des Valentinian vom Jahre 368 im Cod. Theod. XVI. 2, 18.