Frohes Muthes oder Frohen Muthes!
Heyſe ſagt in ſeinem Leitfaden(19. Aufl., Hannover 1858, S. 45) bei der ſtarken Ad⸗ jektiv⸗Deklination:„Statt der Endung es im Genitiv des männlichen und ſächlichen Geſchlechts der Einheit wird oft auch des Wohllauts wegen, jedoch weniger gut, en gebraucht.“ Der fleißige Schüler hat ſich dies gemerkt. Nun lieſt er aber bei Uhland(des Sängers Fluch):„Umſonſt ſei all dein Ringen nach Kränzen blut'gen Ruhms;“— bei Platen(Amalfi):„Reizend in Ringen umkräuſelt die Brau'n ſchwarzlockigen Haupthaars Schimmernde Nacht;“— bei Chamiſſo(Salas y Gomez):
„Ich ward vom Wind mit Kühlung angefacht, Der ſo die Segel ſpannte, daß wir kaum Den flücht'gen Weg je ſchnellern Laufs gemacht;“— „Des Meiſters Pfeife wars, vom Wind getragen, Die wohl ich gier'gen Durſtes eingeſogen;“— bei Schenkendorf(Die deutſchen Städte): „O Heinrich, deutſcher Kaiſer, Nimm ew'gen Ruhmes Schein;“—
bei Anaſtaſius Grün(Max und Dürer):„Schmerz ſieht zum einen Fenſter wehmüth'gen Blicks heraus;“—„Und ſieht ihn milden Blickes wohl lang und ſchweigend an.“ Wird er nun glauben, dieſe Dichter hätten„weniger gut“ die deutſche Sprache behandelt? Schwerlich! Er wird eher irre werden an der von ſeinem Lehrbuche aufgeſtellten Regel und ſomit am Lehrbuche ſelbſt.— Woher weiß denn auch Heyſe, daß dies„weniger gut“ iſt? Mag ſein, daß für ſolche Fälle(vgl. Gurcke, die Hauptpunkte der deutſchen Sprachlehre) die ſchwache Form erſt„in neuerer Zeit eingedrungen“ iſt(wie denn, nach Götzinger, Voß und Klopſtock„ſtets es ſchreiben“); genug, ſie iſt jetzt da, und wird häufig angewendet, und zwar, wie wir geſehen haben, von guten Dichtern; alſo iſt ſie jetzt nicht zu tadeln. Der Wohllaut(vgl. Götzinger) iſt auch hier maßgebend. Man verſuche doch, in den oben angeführten Stellen aus Chamiſſo die ſchwache Form durch die ſtarke zu erſetzen; wie hart würden dann die Verſe lauten! In unſern Bibelausgaben haben wir zwei ſehr bekannte Stellen, in deren einer die ſtarke Form gebraucht iſt, während in der andern die ſchwache ſteht. Matth. 5, 8 leſen wir:„Selig ſind, die reines Herzens ſind; dagegen Ap. Geſch. 2, 13:„Sie ſind voll ſüßen Weins.“ Wie unangenehm würde in der letzteren Stelle, wenn man ſtatt der ſchwachen die ſtarke Endung des Adjektivs ſetzte, die Häufung der Ziſchlaute klingen!*)— Alſo wir wollen den Schülern nicht ſagen, der Gebrauch der ſchwachen Form ſtatt der ſtarken in dieſen Fällen ſei„weniger gut“.
Was für ein!
Vor etwa vierzig Jahren fand ich in einem Lehrbuche die Anweiſung, das nach der Art eines Dinges fragende was für ein dürfe nicht— wie es doch häufig im Sprechen und auch wohl im Schreiben geſchieht— getrennt werden. Als Beweis(2) waren folgende zwei Sätze angeführt: 1.„Was für einen Thurm haſt du angeſehen?“ 2.„Was haſt du für einen Thurm angeſehen?“
*) Allerdings ſteht in der Lutherſchen Bibelüberſetzung von 1522(Dezember⸗Ausgabe):„Sie ſind voll ſuſſes weyns.“ 5


