Jahrgang 
1874
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ſagen und ſchreiben dem Theile. Viele Schüler nehmen nun eine ſolche Regel ziemlich gedankenlos hin; ſie befolgen ſie wohl einmal, vernachläſſigen ſie dann auch wieder; auf ihr Sprechen und Schrei⸗ ben hat dieſe Belehrung keinen nachhaltigen Einfluß, zumal da ſie in ihrem Sprachgefühl keine Stütze findet. Ich ſtelle mir nun aber einmal einen denkenden, prüfenden Schüler vor; und ſolche wollen wir ja haben. Er nimmt ein jedes Wort, das aus dem Munde des Lehrers kommt, ſo auch dieſe Regel gläubig auf; aber er will auch ſehen, wie ſie von Schriftſtellern befolgt worden iſt. Da findet er nun in Schillers Ring des Polykrates:Begann er zu Aegyptens König; im Erlkönig von Goethe:Es iſt der Vater mit ſeinem Kind; in Tells Tod von Uhland:Das Lied von deinem Tod; im Klagelied Ottos des Dritten von Platen:Mit ſeinem großen Sohn; in Friedrich Rothbart von Geibel:Mit dem goldgelockten Haar; in Leſſings Nathan:In ſeinem Ring; und in dieſen und andern Gedichten noch viele andere Beiſpiele, in welchen das e beim Dativ weggelaſſen iſt. Er denkt wohl, das ſei des Verſes wegen geſchehen, denn er weiß ja, daß Dichter die Freiheit haben, dem Versmaße zulieb manche Silbe wegzulaſſen. Er meint aber, es müſſe an dieſen Stellen doch eigentlich, um die Kürzung zu bezeichnen, ein Apoſtroph geſetzt werden, wie bei Rückerts:Ich ſtand auf Berges Halde, Als Sonn' hinunter ging. Doch er beruhigt ſich hierüber.

Nun aber kommt er an proſaiſche Leſeſtücke. In der Beſchreibung der Krönung Joſephs des Zweiten(Goethe, Wahrheit und Dichtung) lieſt er:Der Kaiſer im Ornat(an einer andern Stelle desſelben Stücks:in ihrem Ornate);der aus dem Dom zurückkehrende Zug(dagegen wieder:Was in dem Dome vorgegangen);der von dem Markt her ertönende Jubel(dagegen: Von dem Markte her); in einer und derſelben Periode:Auf dem Platze war jetzt das Sehens⸗ würdigſte die fertig gewordene und mit roth⸗gelb⸗ und weißem Tuch überlegte Brücke. InProceß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorn(Schiller, Abfall der Niederlande) findet er:Zum Vortheil der Gefangenen(an einer anderen Stelle:zum Nachtheile);von dem Herzog allein(dagegen wieder:dem Herzoge). Bei Ranke(Ignatius Loyola; in Paldamus Leſebuch ob. St. I. K.):In dem heftigſten Schmerz; mit dem rauhen Gewand;zum Gebet (dagegen:im Gebete); in einem und demſelben Satze:In dieſem Falle dem Papſt ihre Be⸗ mühungen anzubieten. Und ſo kann er in ſeinem Leſebuche noch viele Beiſpiele aus proſaiſchen Schriftſtücken finden, in welchen die ihm vom Lehrer gegebene Regel nicht befolgt iſt. Wie nun? Wird er wohl denken, Schiller, Goethe, Ranke hätten ſich hier Fehler gegen die deutſche Sprachlehre zu Schulden kommen laſſen? Schwerlich! Eher wird ſich in ihm ein Zweifel gegen das Wort des Lehrers und dann nicht gegen dieſes Wort allein erheben. Und das iſt nicht gut weder für den Lehrer noch für den Schüler. Beſſer ſagt der Lehrer mit Götzinger(Deutſche Sprachlehre, 4. Aufl., Aarau 1838, S. 90):Der Wegfall des e im Dativ und Genitiv hängt... vom Wohl⸗ laut ab. Und nun tadelt er in Aufſätzen ſeiner Schüler dieſe Weglaſſung nicht mehr, außer wenn dadurch eine Härte in der Ausſprache hervorgebracht würde. In ſolchen Fällen zeigt er dem Schüler, daß die Hinzufügung des e dem ganzen Satze einen gefälligeren Tonfall gibt; und der aufmerkſame Schüler wird ſeine verſtändige Bemerkung gern hinnehmen.