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gänge, in welchen Bartholomäi als Berichterſtatter über die neuen Erſcheinungen auf dem Gebiete der Mathematik auftritt, geben die richtigen Formen. Im Berichte von 1858 führt Bartholomäi S. 203 ein„Rechenbuch von Heuer, 3. Aufl.“ an. Er ſagt:„Wir haben das Büchlein ſchon an⸗ gezeigt,“ und ſetzt billigend hinzu:„Aus dem Rechnenbuch iſt ein Rechenbuch geworden.“— Das Centralblatt für die geſammte Unterrichts⸗Verwaltung in Preußen(früher von Stiehl heraus⸗ gegeben) hat auch in den neueſten Nummern(. B. 1874 S. 50, 67, 72) die richtigen Formen.
So bricht ſich das Richtige immer mehr Bahn. Möchten denn nun auch in unſerm Frank⸗ furt die falſchen Formen, deren Anblick geeignet iſt, das Sprachgefühl der Jugend unmittelbar oder mittelbar zu ſchädigen, aus Aufſchriften an Verkaufsläden, aus Zeitſchkiften, aus allen andern Schrift⸗ ſtücken, in denen ſie bis heute noch vorkommen, ganz verſchwinden. Ich wünſchte, daß auch dieſe Blätter dazu beitragen könnten.*)
Diesſeit, diesſeits; jenſeit, jenſeits. *
Vor vier Jahren tadelte mich ein— ſeitdem verſtorbener— ehemaliger Berufsgenoſſe darum, weil ich in meiner Einladungsſchrift geſchrieben hatte:„Jenſeits des Rheins“. Jenſeits, ſagte er, ſei nur Adverb, die Präpoſition heiße jenſeit.„Sehen Sie nur,“ fügte er hinzu,„in Heyſe nach, da werden Sie es finden.“ Ich ſah nach und fand es ſo, wie er geſagt hatte. Es kam mir dies nicht unerwartet, denn dieſer Mann war in ſeinem Kreiſe außerordentlich ſicher. Nun erhob ſich aber für mich die Frage, ob ich wirklich einen Fehler gemacht hätte und ob ich demgemäß auch etwa einem Schüler, der in einer ſchriftlichen Arbeit einen ähnlichen Ausdruck gebraucht, dies verweiſen ſolle. Mein Sprachgefühl ſagte nichts gegen das„jenſeits“; es ſchien mir im Gegentheil dieſes Wort an der betreffenden Stelle gefälliger als„jenſeit“, weil durch das s die durch das Aufeinander⸗ folgen zweier Zungenlaute entſtehende Härte gemildert werde. Ich begnügte mich alſo nicht mit Heyſe, ſondern ſah auch andere Lehrbücher nach, und Wörterbücher, und beim Leſen achtete ich auf ſolche Formen. Einiges vom Ergebnis dieſer Unterſuchungen will ich hier mittheilen.
Allerdings ſtellen einige Grammatiker die Regel auf, die Formen dieſer beiden Wörter ohne s am Ende ſeien als Präpoſitionen, die Formen mit s am Ende als Adverbien zu gebrauchen.
Gründe für dieſe Unterſcheidung, ſo daß z. B. geſagt wäre, warum gerade beim Adverb das s zugefügt, bei der Präpoſition weggelaſſen werde, finde ich nirgends angegeben.
Es müßte alſo dieſe Unterſcheidung auf den Sprachgebrauch, oder darauf, wie Gebildete ſprechen, wie gute Schriftſteller ſchreiben, gegründet werden. Denn der Grammatiker iſt ja kein Geſetzgeber; er darf es nicht machen, wie bei Goethe Bahrdt, der ſagt:„So ſchrieb' ich, wenn ich Chriſtus wär'“ Der Grammatiker iſt ein Naturforſcher, und ſo wenig der Botaniker, ohne genau
*) Die Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 11. Febr. d. J. gibt einen Aufſatz, überſchrieben: „Streiflichter auf die fortwährende Verunſtaltung der deutſchen Sprache.“ Es heißt da(S. 614, Sp. 1):„Auch von der großen Zahl zum Theil erſt neuerdings aufgekommener, geradezu ungeheuerlicher Zuſammenſetzungen und ſprach⸗ licher Mißgeburten wollen wir einige nennen, z. B..... die überhand nehmende vermeintliche Weisheit, womit ſehr viele heute: Rechnenſtunde(warum nicht auch: Rechnenſchaſt ſtatt Rechenſchaft?), Zeichnenlehrer u. ſ. w. ſchreiben.“ — Mit der nun folgenden Begründung der Richtigkeit von Rechentafel u. ſ. w. bin ich allerdings nicht einverſtanden.


