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Es fehlt nun noch, daß wir einen Singenvogel, ein Reitenpferd, eine Fechtenübung bekommen. Denn wer Zeichnenlehrer ſagt, ſollte folgerecht auch dieſe Bildungen gebrauchen. Doch ſo weit werden dieſe Herren nicht gehen in der Misachtung des Geiſtes unſerer Sprache.
Mein verſtorbener Freund und langjähriger Amtsgenoſſe, Dr. Franz Roth, bekanntlich ein feiner Kenner der Entwickelung unſerer Mutterſprache, äußerte mir einmal, er glaube, die Einſchwär⸗ zung der falſchen Formen ſei gewiß erſt in unſerm Jahrhundert verſucht worden. Ich finde dies, wiewohl in früheren Jahrhunderten die richtigen Formen entſchieden vorherſchen, doch nicht ganz gegründet.
Ich will hier einige Beiſpiele verſchiedener Formen aus älterer und neuerer Zeit geben. Fraglich iſt es dabei allerdings, ob nicht manche der falſchen Formen nur einem Abſchreiber zur Laſt fällt oder als Druckfehler anzuſehen iſt.
Jacob Köbel, Stadtſchreiber zu Oppenheim, gab(1531 in zweiter Ausgabe) ein„Rechen⸗ buoch“ heraus, das mehrere Auflagen erlebte und noch 1549 wieder gedruckt wurde. In dieſem kommt vor Rechenbüchlin, Rechenſchafft, Rechenbanck, Rechenpfenning, Rechentafeln. Das Verbum heißt rechnen oder rechen.„Dann Plato gebeut, das man vor allen dingen, die kinder vnd jungen die zal vnd technen leren ſoll.“—„Der ſelb Plato ward auch gefragt, warumb der menſch das aller vernünfftigſt vnd weiſeſt Thier auff erdtreich wer, Antwurt er, darumb das der Menſch er⸗ kantnuß der zale hat, vnd rechen kundt.“
Dieſelben Infinitivformen und außerdem die Form rechenen finden ſich bei Adam Ryſe. Das Schulblatt für die Provinz Brandenburg(1858, S. 389) führt aus ſeiner Ausgabe von 1529 an:
:„Diß nym zu hertzen, bit ich ſer,
Und yder ſeyn Kind Rechen leer.“
In der Ausgabe von 1565(Rechenunge auff der Linien vnd Federn u. ſ. w., durch Adam Ryſen. — Dabei iſt ein Viſirbüchlein von Erhart Helm) ſteht:„Auch obgenanter Plato zu einer Zeit ge⸗ fragt ward, wo durch ein menſch andre thier übertrette? geantwortet hat: Das er Rechnen kann.— Derhalben die kunſt des Rechens anderen freien künſten billich fürgeſetzt würt.“—„Rechene zum erſtenn wie“ u. ſ. w.—„rechne zum erſten wie“ u. ſ. w.—„Rechen es, ſo kommen“ u. ſ. w. —„So dir Vngriſch fl. übrig bleiben, vnd weyſt nit wie der gerechent, ſo mach“ u. ſ. w.
Im 26. Jahresberichte des hiſtoriſchen Vereins im Regierungsbezirke von Schwaben und Neuburg für das Jahr 1860 iſt das Tagebuch des Lucas Rem von Augsburg aus den Jahren 1494— 1541 abgedruckt. S. 67 heißt es:„Darnach, da er geſond ward, gong er in die lateiniſche auch rechnenſchuol 1535.“— Sollte wirklich die Form des letzten Wortes in der Hand⸗ ſchrift ſtehen? Es wäre ſehr auffallend, würde aber doch nur zeigen, daß es auch damals ſchon Leute gab, die meinten, die deutſche Sprache verbeſſern zu können.
Bei einem Beſuche des Germaniſchen Muſeums in Nürnberg fand ich in einem Bücher⸗ verzeichniſſe angegeben:„Paul Behaim, Rechnenbuch 1530— 32.“— Auch hier zweifle ich an der Genauigkeit der Anführung.
Fabri thesaurus eruditionis scholasticae, 1717:„Abacus, ein rechen⸗tiſch.“
„Einrichtung der Wittwen⸗Caſſä, Welche Von denen Teutſchen Schul⸗ Schreib⸗
und Rechen⸗Meiſtern Alhier zu Franckfurt am Mayn, Bei dem ſo genannten Bartholomaei-Quartal
Mittlere Bürgerſchule. 2


