Jahrgang 
1874
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Deutſchen noch Hunderte von Beiſpielen gleichlautender Formen von verſchiedener Bedeutung. Und wenn wir nun von einem Zeichenlehrer ſprechen: würde da wohl irgend ein Verſtändiger etwas anderes glauben können, als daß das ein Mann ſei, der im Zeichnen unterrichte? Gewiß nicht.

Auch in andern Sprachen haben wohl Wörter von ganz verſchiedener Bedeutung gleiche Formen. Im Franzöſiſchen gibt es gar manche, die, wenn auch verſchieden geſchrieben, doch dem Ohre gleich oder faſt gleich lauten(ver, vert, vers, verre; soi, soit, soie; toi, toit; dans, dent; lui, luit; sang, sans, sens, sent, cent; sein, sain, Saint, ceins, ceint, cinq; un jeune général, ein junger General, und un jeune général, ein allgemeines Faſten); aber auch ganz gleich geſchriebene Wörter können Verſchiedenes bedeuten; z. B. vers gegen und Vers, tendre reichen und zart, faux Senſe und falſch, entre zwiſchen und(er) geht hinein, sort Schickſal und geht heraus, part Theil und geht weg, lit Bett und lieſt, lis Lilie und(ich) leſe, été Sommer und geweſen. Ein Holzhändler heißt un marchand de bois. Welcher Verſtändige wird nun, wenn er dieſen Ausdruck hört, glauben, es ſei von einem hölzernen Manne die Rede? Im Engliſchen heißt arms Arme und Waffen und Wappen, bear Bär und tragen, bore Bohrer und trug, die ſterben, färben, Würfel, Münzſtempel, lie liegen, lügen, Lüge, Lauge, well wohl(gut) und Brunnen, still ſtill und noch. Wer die gleichlautenden Wörter meat und meet hört, muß aus dem Zuſammenhange der Rede erkennen, ob von Fleiſchſpeiſe oder vom Begegnen die Rede iſt. Wer die gleichgeſchriebenen Wörter tear(Thräne) und tear Gerreißen) lieſt, muß aus dem Sinne erkennen, welches der beiden gemeint iſt. Im Lateiniſchen heißt versus gegen und Vers; vere kann Ablativ des Singulars von ver, Frühling, und Adverb zu verus, wahr, ſein. Welche Bedeutung in jedem einzelnen Falle gemeint ſei, das ergibt der Zuſammenhang. Freilich nur dem Verſtändigen. Aber wollen wir denjenigen, zu denen wir ſprechen, nicht auch Verſtand und Urtheilskraft zutrauen?

Horaz führt in ſeinem Briefe an Albius Tibullus(Ep. I, 4) die Güter und Vorzüge an, die dieſer ſein Freund beſitze. Es kommt da vor: Schönheit, Reichthum, die Kunſt des Lebens⸗ genuſſes, Verſtand, Freiheit in der AÄußerung der Gedanken, gefälliges Weſen, guter Name, Geſund⸗ heit. Dann auch»mundus victus«(eine nette, behagliche, man könnte ſagen comfortable Lebensſtellung). Als ich Schüler der Prima des hieſigen Gymnaſiums war, überſetzte dies einer meiner Mitſchüler durch:Die beſiegte Welt. Allerdings heißt mundus auch Welt und victus beſiegt. Aber der Lehrer nahm auf die Moglichkeit dieſer Überſetzung keine Rückſicht, ſondern ſprach mit Recht einen ernſten Tadel über den Schüler aus, daß er hier, wo nur von einem einfachen wohlhabenden Manne die Rede ſei, an Eroberungen gedacht, oder daß er vielmehr gar nichts dabei gedacht habe.

Alſo auch die Einwendung, einer möglichen Verwechſelung wegen dürfe man die Formen Zeichenlehrer u. ſ. w. nicht gebrauchen, hat keinen Werth. Ohnehin wäre es gar nicht erlaubt, aus dieſer Rückſicht gegen den Geiſt unſerer Sprache zu ſündigen.

Ich kann mir nun dennoch vorſtellen, daß es Perſonen gibt, die immer noch nicht überzeugt ſind. Solchen gegenüber(denn für andere, namentlich wohl für die allermeiſten Lehrer, wäre es nicht nöthig) muß ich für meine Anſicht Gewährsmänner anführen; und ſollte auch dies auf irgend jemand keinen Eindruck machen, ſo hätte ich wenigſtens den Troſt, daß ich zugleich mit Grimm, Becker, Schmitthenner und andern Forſchern und Bearbeitern unſerer Sprache verurtheilt würde.

Jacob Grimm(Seutſche Grammatik, Th. II, S. 678):Die eigentliche verbalcompo⸗ ſition erfordert den reinen von aller flexion entbundenen ſtamm des verbums. Hieraus fließt,