Jahrgang 
1874
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5 Beſtimmungsworte die Infinitivendung en(bei dem letzten Beiſpiele n) fehlt(nur bei Leſebuch und Bindemittel iſt, vielleicht der leichteren Ausſprache wegen, ein e eingeſchoben). Man könnte ſagen, »ſie ſei weggelaſſen worden; man drückt ſich aber richtiger folgendermaßen aus: Wenn in einem zu⸗ ſammengeſetzten Worte ein Verb Beſtimmungswort iſt, ſo wird von ihm nur der Stamm(alſo: , trink, reit u. ſ. w.) genommen, nicht auch die Infinitivendung. Dies iſt ganz feſte Regel.

Von unſern Wörtern wären nun, ſo ſcheint es, die Stämme zeichn, rechn, ſie ſollten alſo heißen: Zeichnlehrer, Rechnbuch. Dies würde aber zu hart klingen. Man könnte ſagen, es ſei der leichteren Ausſprache wegen ein kurzes e(etwa dem hebräiſchen schwa compositum zu vergleichen) eingeſchoben worden. Dieſes e aber braucht nicht erſt eingeſchoben zu werden; es iſt den urſprüng⸗ lichen Worten nicht fremd; ſie hießen eigentlich zeichenen, rechenen. Mundartlich erſcheint dieſes e noch jetzt z. B. in unſerer Gegend in den faſt von Jedermann im gewöhnlichen Sprechen gebrauchten Formen: er zeichent, er rechent.(Ebenſo: es trockent, er öffent, geöffent u. ſ. w.) Es iſt ſpäter dieſes kurze eF ausgefallen, und die jetzt gebräuchlichen Formen ſind, um einen aus der griechiſchen Grammatik entlehnten Ausdruck zu gebrauchen, ſynkopirt. Ähnlich iſt es mit aneignen, von eigen abgeleitet, und mit trocknen, abgeleitet von trocken, gegangen.

So werden nun alſo auch bei den Worten, die wir an den Anfang dieſes Abſchnitts geſtellt haben, für die Zuſammenſetzung nur die Stämme, zeichen und rechen, genommen, und daraus wird durchaus regelrecht Zeichenlehrer und Rechenbuch gebildet.

Ich glaube kaum, daß gegen dieſe Erörterung irgend etwas einzuwenden iſt.

Denn wenn, wie mir wohl einmal jemand bemerkt hat, geſagt würde, ein Buch zum Rech⸗ nen müſſe natürlich Rechnenbuch heißen, ſo könnte man dieſen einfach fragen, wie dann ein Glas zum Trinken und ein Pferd zum Reiten heißen müſſe.

Und doch habe ich noch eine andere Einwendung gehört, und zwar wurde ſie mit ſpöttiſcher, faſt ſiegesgewiſſer Miene vorgetragen. Unter einem Zeichenlehrer, hieß es, könne ein Mann ver⸗ ſtanden werden, der gewiſſe Zeichen machen lehre. Es wurden wohl zur Vergleichung die Wörter Zeichenſprache, gleich Ausdruck der Gedanken oder Empfindungen nicht durch Worte, ſondern durch Zeichen, und Zeichendeuter, ein Mann, der, wie es die römiſchen Augurn gethan, die Bedeutung gewiſſer Zeichen erkläre, angeführt.

In dieſen beiden Wörtern allerdings iſt das Beſtimmungswort das Subſtantiv Zeichen.

Aber von wem könnte denn das Wort Zeichenlehrer ſo verſtanden werden, wie oben ge⸗ meint wurde? Von einem verſtändigen Menſchen? Gewiß nicht! Wir müſſen aber doch bei allem, was wir ſagen und ſchreiben, billig auf verſtändige Hörer und Leſer rechnen.

Es gibt in unſerer Sprache ſo manche gleichlautende Wörter von ganz verſchiedener Bedeu⸗ tung. Wir unterſcheiden dieſe nicht durch Laute oder Lautzeichen(Buchſtaben); wir verlangen aber doch, daß wir, wenn wir ſie gebrauchen, richtig verſtanden werden. Wenn wir von den Polen ſprechen, ſo ergibt es der ganze Zuſammenhang, ob wir damit die Endpunkte der Erdachſe oder die Bewohner des Landes Polen meinen. Sprechen wir von den Armen, ſo wird dem Verſtändigen wohl kein Zweifel darüber bleiben, ob dieſes Wort im Franzöſiſchen durch bras oder durch pauvres zu geben ſei. Reichen kann nach Umſtänden tendre oder riches oder empires bedeuten; welche dieſer Bedeutungen das Wort habe, muß im beſtimmten Falle der Sinn der ganzen Rede ergeben. Gefallen kann unter Umſtänden mit tombé oder mit plaire überſetzt werden. Und ſo gibt es im