Jahrgang 
1874
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habe ich nicht gerade Lehrer im Sinne. Unſere Schüler bekommen auch außerhalb der Schule manches zu Geſicht: Aufſchriften an Verkaufsläden, vielleicht auch einmal öffentliche Blätter; und da iſt denn manches Unrichtige zu finden. Mit Bezug auf den zweiten Punkt, die willkürlichen, nicht dem Leben entnommenen Regeln, denke ich an manche Lehrbücher, nach welchen ſich eben doch Lehrer zu richten haben. Und was den dritten Punkt betrifft, die Bemühung, einen vollendeten Stil zu erzielen, ſo möchte meiner Erfahrung gemäß namentlich mancher jüngere Lehrer in ſeinem wohlgemeinten Eifer etwas zu weit gehen. Ich komme nun auf Einzelnes zu ſprechen.

Zeichenlehrer oder Zeichnenkehrer! Rechenbuch oder Rechnenbuch?

Über dieſe Formen habe ich mich in Lübens praktiſchem Schulmanne Jahrgang 8(1859) S. 343 346 ausgeſprochen. Ich glaube kaum, daß jetzt noch irgend ein Lehrer im Zweifel iſt, welche die richtigen ſeien; dennoch fühle ich mich, da ich weiß, daß die falſchen Formen immer noch, wenn auch kaum in mündlicher Rede gehört, doch nicht ſelten geſchrieben und alſo auch geleſen werden, gedrungen, nochmals darüber das Wort zu ergreifen, und neue Erfahrungen darüber, die ich erſt in den allerletzten Wochen gemacht habe, legen mir geradezu die Pflicht auf, es zu thun.

Im Frankfurter Adreßbuch ſtehen in den Jahren 1845 bis 1849 die Männer, welche Unterricht im Zeichnen geben, als Zeichenlehrer, in den Jahren 1850 bis 1864 wenigſtens vor⸗ herſchend als Zeichnenlehrer, von 1865 an wieder meiſt als Zeichenlehrer angeführt; ein Beweis, daß die Anſichten der Herausgeber dieſes Buches im Laufe der Zeit gewechſelt haben. In manchen amtlichen Erlaſſen und in den Bekanntmachungen über die Tagesordnung in der hieſigen Stadt⸗ verordneten⸗Verſammlung erſcheint immer noch der Zeichnenlehrer; alſo halten wohl die Beamten, die dieſen Erlaſſen und Bekanntmachungen ihre Faſſung geben, dieſe Form für die richtige, die andere für falſch. An und in hieſigen Verkaufsläden lieſt man: Zeichnen⸗Requiſiten, Vorlagen, ⸗Übungen, ⸗Tinte,⸗Mappe, ⸗Etui; ſeltner dagegen: Zeichen⸗Materialien,⸗Vorlagen. Alſo ſind auch die Auſichten der Kaufleute hierüber verſchieden.*)

Was iſt nun das Richtige? Oder ſind vielleicht beiderlei Formen gleichberechtigt? Nein! Richtig iſt nur Zeichenlehrer(ebenſo Zeichenſtunde, Zeichenbuch, Zeichenmappe u. ſ. w.) und Rechen⸗ buch(Rechentafel, Rechenmaſchine u. ſ. w.); die andern Formen ſind durchaus falſch und widerſprechen dem Geiſte der deutſchen Sprache.

Dies muß nachgewieſen werden.

Betrachten wir dieſe Wörter genauer! Es ſind zuſammengeſetzte Subſtantive; der letzte Theil(das Grundwort) iſt ein Subſtantiv, der erſte(das Beſtimmungswort) ein Verb. Erinnern wir uns nun an andere Wörter ſolcher Art, wo alſo auch das Grundwort ein Subſtantiv und das Beſtimmungswort ein Verb iſt. Beiſpiele bieten ſich uns in großer Menge dar; etwa: Eßlöffel, Trinkglas, Reitpferd, Schwimmanſtalt, Kochlöffel, Fühlhorn, Ziehbrunnen, Leuchtgas, Riechfläſchchen, Sehweite, Springkäfer, Schreibſtunde, Leſebuch, Singvogel, Fechtmeiſter, Fahrgelegenheit, Bindemittel, Brennholz, Schmelztiegel, Sammelplatz. Wir ſehen, daß in all dieſen Zuſammenſetzungen bei dem

*) In Innsbruck habe ich im Jahr 1872 an Läden die eine ſowie die andere Form geſehen.