Gegen Irrthum und Pedantismus auf ſprachlichem Gebiete.
Unſere Schüler haben vieles zu lernen. Sie haben auf dem Gebiete der eigenen Mutter⸗ ſprache auch manches zu verlernen. Sie haben— wohl in allen Gegenden Deutſchlands— viel zu leiden unter dem Widerſtreit der— innerhalb gewiſſer Grenzen berechtigten— Mundart mit der einmal angenommenen Schriftſprache, die ſie nothwendig verſtehen und ſich zu eigen machen müſſen. Wie ſchwer hält es z. B. in unſerer Gegend, ſie daran zu gewöhnen, daß ſie bei Sub⸗ ſtantiven und Adjektiven im Dativ des Plurals das n nicht weglaſſen; ebenſo ſchwer hält es, ſie dahin zu bringen, daß ſie in den einzelnen Fällen die nominativiſchen und akkuſativiſchen Plural⸗ endungen des Adjektivs e oder en nach den heutigen Sprachregeln richtig gebrauchen. In andern Gegenden unſeres Vaterlandes macht wieder die Unterſcheidung von Dativ ſund Akkuſativ größere Schwierigkeit. Ja, es iſt wahr, unſere Schüler haben vieles zu lernen. Wir wollen ihnen davon auch nichts erſparen; ſie ſollen ſich recht anſtrengen, ſich recht ernſtlich bemühen.
Aber wir wollen ihnen andrerſeits auch das Erlernen der reinen Mutterſprache nicht ohne Noth erſchweren. Ich wünſchte darum, daß ihnen nicht irgend falſche Sprachformen als richtig vor Augen geſtellt würden, und daß ſie nicht geplagt würden mit Regeln, die weder in den Geſetzen des Denkens, noch in der geſchichtlichen Entwickelung unſerer Sprache, noch im heutigen Sprachgebrauche begründet ſind, und mit durchaus willkürlichen, nur am Studirtiſche ausgeklügelten Unterſcheidungen. Laſſen wir ihnen doch Freiheit, wo die lebende Sprache ſelbſt dieſe Freiheit gewährt.
Ich wünſchte endlich— ich habe mich darüber ſchon öfters ausgeſprochen, namentlich in der Einladungsſchrift von 1868*); ich thue es jetzt wieder—, daß man die Kinder Kinder ſein laſſe und ihnen nicht eine Schreibart aufzwinge, die ihnen nicht natürlich iſt; es iſt damit eine ſittliche Gefahr verbunden. Wenn ihnen einmal der Bart wächſt, wenn ihre Erfahrung reicher iſt, dann werden ſie auch ſo ſprechen und ſchreiben, wie es ſich für Männer geziemt, ganz ohne unſer weiteres Zuthun. Wir haben ſie nur zu lehren, die Mutterſprache richtig zu verſtehen und zu ſprechen und ihre Gedanken klar zu ordnen und wiederzugeben.
Aber gegen wen richtet ſich denn alles, was hier geſagt iſt? Gibt es denn Lehrer, die den Schülern falſche Sprachformen als richtig vor Augen ſtellen? Nun, was dieſen Punkt betrifft, ſo
*) Einladungsſchrift zu den Prüfungen der mittleren Bürgerſchule, 1868, S. 11.


