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entspringen, das Gefühl der Gemeinschaft verstärken. Darum ist das Wichtigste der Chor, die Massen, das Orchester, der Tanz, während einzelne Hauptrollen so stark zurüdktreten, daß man am liebsten überhaupt keine Namen der Solisten nennt. Lassen sich nun diese von den heutigen Wortführern vorgetragenen Werte des Spiels mit den alten vereinbaren? Wider- streiten sie einander gar! Ganz gewiß will man heute mehr, aber hoffentlich bleibt es nicht nur beim Wollen, was man bei manchen Theoretikern befürchten muß, die garnicht zur Tat kommen. Mir scheint, daß wir weitgehend mit den alten Freunden der Jugendbühne zusammengehen können. Mit Freuden wird man als neu und richtig anerkennen, daß die dar- zustellenden Stücke keinerlei Konkurrenz für die Erwachsenen-Bühne oder die Vereinsbühne sein dürfen, kurz, daß es sich überhaupt weniger um Theater handelt, daß man mehr Bescheidenheit schon in der Zielsetzung und in der ganzen Nufmachung aufweist, während ein ehrliches Wollen sich mit Recht gegen den billigen Trost sträubt: Ut desint vires tamen est laudanda voluntas! Preilich: Die Theoretiker machen es sich selbst doch recht leicht, den Praktikern aber gar schwer, wenn sie nun verlangen, daß nur künstlerisch restlos Vollendetes überhaupt gezeigt werden dürfe. Musik und Zeichnen sind in dieser Hinsicht viel bescheidener und ehrlicher, darum auch wohl erfolgreicher. UÜberstiegene Forderungen sind lebensfremd und können zur Unterdrückung wertvoller Xnsätze führen.
Es erscheint mir sehr wichtig, die Eltern unserer Schüler und unsere Schüler selbst diese grundsätzlichen Forderungen einmal wissen zu lassen, die sich ja auf andere Kunstfächer leicht übertragen lassen. je besser man mit unserem Wollen Bescheid
weiß, umso gerechter wird man uns beurteilen, wenn man unsere Arbeit einmal ansieht— wozu ja die Festgemeinden stets Gelegenheit geben. Wir bitten erneut, sie zu besuchen. Auf dem neuen Gebiet der Kunsterziehung liegen die Gefahren klar zutage— wer sie wirklich erkennt, kann sie auch
vermeiden. Die Jugendbühne erzieht leicht zur Eitelkeit und zur Wichtigmacherei, der Kunstbetrachtung droht ein Erziehen zum Schwätzen, zum Phrasentum, zur Unsachlichkeit. je bestimmter die zu lösenden Xufgaben sind, umso eher kann jeder Kunstunterricht alle diese Gefahren vermeiden. Wer davon überzeugt ist, daß jede Kunst eine technische exakte Vor- bildung verlangt, wie wir es im Musikunterricht am leichtesten merken, der wird schon von selbst verhindern, daß die Jugend diesen Gefahren erliegt. Aber kein Einsichtiger wird leugnen können, daß wir doch auch gerade durch diese Möglichkeiten der Kunsterziehung heute Kräfte, die in den jungen Menschen liegen, lebendig werden lassen können, die früher garzuleicht verkümmerten und dadurch die Xusbildung der harmonischen Persönlichkeit beeinträchtigten, Fähigkeiten, die zum mindesten früher oft nicht gewertet wurden, und die heute, richtig gepflegt, zu einer Entfaltung des jungen Menschen dienen können. Alle diese Dinge dürfen freilich nicht der gründlichen Erlernung der alten Sprachen im Wege stehen, dem Kernstüdk jeglicher humanistischen Bildung, sie dürfen überhaupt nicht die ernste Arbeit, die es nun einmal im Gymnasium zu leisten gilt, schädigen, sondern sie müssen sie(und sie können sie auch!) fördern. Es ist vielleicht nicht unnötig, dies ausdrücklich zu sagen. Dr. Majer⸗Leonhard.
Musik.
Dem Schulmusikunterricht ist durch die„Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens“ ein stark erweitertes Wirkungsfeld eröffnet worden. Anstelle des bisherigen Gesangunterrichts ist ein allgemeinerer Musikunterricht getreten, dem die schulmäßige Pflege der Musik in allen ihren Erscheinungsformen obliegt. Neue, gesteigerte Xufgaben bieten sich dar, nicht nur innerhalb der Musikstunden selbst, sondern auch in der Einordnung der musikalischen Erscheinungen in die allgemeine Geistesgeschichte. Die Musik, welche nachgerade nur mehr der Unterhaltung— in der Schule: nur der Aus- schmückung der Schulfeste— diente, soll jetzt die in ihr ruhenden ethischen Kräffe wieder zu starker XAuswirkung kommen lassen. Sie soll, wie ich an anderer Stelle einmal schrieb, nicht mehr„bloß geläufige Kehlen und Finger, sondern Persönlichkeiten bilden helfen durch Veredelung des Gefühlslebens, und sie soll dadurch einem wahrhaffen Gemeinschaffs- leben dienen. Nicht allein um Erziehung zur Musik handelt es sich, sondern mehr noch um Erziehung durch Musik.“ Diese Hinwendung, dieses Sich-⸗wieder-Besinnen auf die ethischen Kräfte und Werte der Musik, diese Abwendung von aller Veräußerlichung und Uebersteigerung der Klangmittel liegt namentlich auch in der Denkrichtung der humanistischen Erzieher. Gerade humanistische Gymnasien sind in der Lage, ihre Zöglinge eindringlich auf die Lehren der großen griechischen Philosophen Platon und Aristoteles hinzuweisen, die sich mit solchen Erziehungsproblemen ernsthaft befaßt haben. Mit dem Hinweis auf die Möglichkeit, im griechischen Unterricht den Kernfragen der Musikerziehung näherzutreten, haben wir überhaupt die wichtige Tatsache berührt, daß der Schulmusikunterricht aus seiner bisberigen Vereinzelung im Unter- richtsgefüge herausgetreten ist und zu den anderen Lehrfächern lebendige Bindungen herstellt. Wenn anders der Musik- unterricht auf Menschenbildung ausgeht, kann das gar nicht anders sein.
Das äußere Bild des Musikunterrichts hat sich in den letzten 2 Jahren erheblich geändert. Jede Klasse hat jetzt wöchentlich eine Musikstunde, außerdem schließen sich die stimmbegabten Schüler zu einer Chorabteilung zusammen, die wöchentlich (Knaben- und Männerstimmen gesondert) je 1 Stunde üben, dazu tritt alle 14 Tage ein zweistündiges Instrumentenspiel im„Collegium musicum“. Eine unerläßliche Vorstufe hierzu ist die XAusbildung der jungen Instrumentalisten in häuslichem Privatunterricht oder in kleinen Gruppen(von höchstens 3 Teilnehmern) im Gymnasium selbst. Von Ostern ab wird Herr


