Jahrgang 
1928
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Jugendbühne.

Im Laufe der letzten zwei jahre haben wir das jugendliche Bühnenspiel so reichlich gepflegt, daß ein kurzer Rechenschafts- bericht darüber angezeigt erscheint: Dreimal haben wir den König Oedipus mit griechischen Sprechchören aufgeführt. Das erste Buch der Ilias haben wir mit verteilten Rollen vorgetragen und Sprechchöre aus sophokleichen Dramen bei fünf

verschiedenen Gelegenheiten rezitiert. Das sophokleische SatyrspielDie Spürhunde haben wir zweimal gespielt, wozu das Collegium musicum die von Herrn Prof. Burkhardt verfaßte Musik bot. Viermal(davon zweimal im Freien) haben wir das mittelalterliche Spiel vom Tell aufgeführt, wobei unser Chor die dazu gehörigen Lieder sang. Fünfmal haben

wir das heitere Spiel des Hans Sachs von Alexander und Aristoteles zur Aufführung gebracht. Ein Weihnachtsmärchen vom Schweinehirten und der Prinzessin haben wir zweimal gespielt, wiederum vom Collegium musicum unterstützt. Zu einer anderen Weihnachtsfeier führten mehrere Sänger des kleinen Chors ein Weihnachtslied von Hugo Wolf(gedichtet von Goethe) in Kostüm und Maske auf. Die Schüler der Unterklassen haben sich wiederholt im Schattenspiel versucht: Je zweimal haben sie die Geschichte vom Polyphem und der Zauberin Kirke dargestellt. Zur Begrüßung der neuen Sextaner boten die Quintaner ein lateinisches Schulspiel, und dieselbe Klasse hat bei einem Gartenfest ein eigens gedichtetes kleines Festspiel im Freien zur Aufführung gebracht. Schließlich ist noch eines heiteren Spiels zu gedenken, das unsere Primaner im Verein mit den Sekundanerinnen der Elisabethen-Schule bei einem Neujahrskränzchen aufgeführt haben.

Diese 27 Aufführungen haben meist auf unserer Bühne stattgefunden, die es uns ermöglicht, in wenigen Minuten eine mustergültige Jugendbühne aus 28 je einen Quadratmeter großen Kästen durch die Schüler selbst zu bauen, eine Bühne, deren Größenverhältnisse sich nach dem notwendigen Spiel richtet, und also gerade das Gegenteil einer starren Guckkasten- bühne darstellt.

Zunächst ist das jugendliche Bühnenspiel keine ganz neue Sache, sondern wir knüpfen an alte Traditionen an: Hat doch ein alter Direktor des Frankfurter Gymnasiums, Micyllus, seinen Namen von einer solchen Schulkomödie erhalten. Männer wie Sturm, Luther, Melanchthon, Bacon, Comenius, Gottsched, die jesuiten und die Engländer haben den Wert des jugendlichen Bühnenspiels betont. Es gab auch Gegner, vornehmlich Calvin und A. H. Francke, der ebenso wie Friedrich Wilhelm I. sogar jegliche Musik aus den Schulen verbannt wissen wollte. Man klagt, die Schüler vernachlässigten darüber andere Studien, sie regten sich unnõtig auf, Störungen, Zeitverlust, Unkosten seien die Folse und die Schüler würden zu eingebildeten, eitlen Wichtigtuern. Demgegenüber betonten die Freunde des Bühnenspiels, derartige Spiele pflegten das Gedächtnis, sie ge- wöhnten an öffentliches Auffreten, sie sorgten für gute Stimme und schöne Nussprache, für anständige Mienen und Ge- bärden, sie weckten ästhetisches Interesse und verbänden das Elternhaus mit der Schule durch jene Atmosphäre der Freudigkeit, die ja Mutter aller Tugenden sei.

Es erscheint mir verkehrt, all diese Vorzüge und Bedenken heute gar nicht mehr zu betonen, als wäre nun unser heutiges Bühnenspiel etwas völlis Neues das ist ja ein Elementarfehler jeglicher Reform. Allerdings hat man aus der Ge- schichte mancherlei gelernt, und hoffentlich ist das Jusendspiel von 1930 nicht mehr genau dasselbe wie vor dreihundert Jahren. Trotzdem bleiben die alten Vorzüge bestehen, und auf die Gefahr hin, unmodern gescholten zu werden, sehe ich in diesen pädagogischen Werten allgemeinster Art(Disziplinierung, Pünktlichkeit, gutes Sprechen, sicheres Auftreten, Einfühlen, Freudigkeit) auch heute noch wichtige Argumente zur bewußten Pflege. Aber das heutige Bühnenspiel der Jugend will mehr. Es stellt sich(ganz bescheiden, außerhalb der Richtlinien) in die Reihe der sog. Kunstfächer, denen die moderne Pädagogik freilich mehr Platz einräumt, als frühere Schulpläne. Den Ausgangspunkt bilden die Landerziehungs- heime, vornehmlich Martin Luserkes Heim, wo man mehr Zeit und Freiheit hat. Aber die technischen Mößlichkeiten sind in den öffentlichen Schulen unzweifelhaft viel besser als in den Landheimen. Ich brauche nur z. B. an unsere muster- sültige Nula zu erinnern, die mit ihrer eingebauten und beweglichen Schulbühne wohl von keinem Landerziehungsheim auch nur annähernd erreicht werden dürfte.

Derartige Jugendspiele sollen so sagen die heutigen Reformer eine künstlerische Bildungsangelegenheit sein, weniger für den Zuschauer, weniger auch wegen des dargestellten Stoffes, als vielmehr durch die Tatsache künstlerischer Aktivität der Jugendlichen selbst. So wie es im Zeichnen nicht auf eine Konkurrenz mit den berufsmäßigen Malern, in der Musik nicht zu Vergleichen mit ausübenden Künstlern kommen darf, so vermeidet man hier absichtlich das WortTheater und redet lieber vonJugendbühne. Sie soll dem jungen Menschen ein neuesKörpergefühl ermöglichen, ihn zurSchöpfe- rischen Arbeit bringen, rhythmische Gymnastik, Musik und Tanz spielen eine besondere Rolle, man redet gern vom Bewe⸗ gungsspiel. Die Bühne darf kein Guckkasten mehr sein, darum fehlen die Kulissen, an ihrer Stelle sind allseitig Treppen angebracht, offene Zugänge zum Podium, damit selbst durch den Zuschauerraum Umazüge in farbigen Kostümen stattfinden können. Alle Theateransprüche, vornehmlich technische Dinge wie Beleuchtung und Kulissen, werden abgelehnt. Hingegen soll das Bühnenspiel eine gepflegte Gewohnheit in der Schule sein, d. h. kein singuläres, aufregendes Ereignis. Man wünscht, daß auch das Dargestellte von den Jugendlichen selbst geschaffen sei, freilich ein Wunsch, der bei uns bisher nur auf musikalischem Gebiet einigermaßen in Erfüllung gegangen ist. Die Sanze Aufführung soll einem Gemeinschaftsgeist