Jahrgang 
1928
Einzelbild herunterladen

17 Aus unserem Schulleben.

Zeichnen.

In Weiterbildung der von den Kunsterziehungstagen zu Beginn des Jahrhunderts gegebenen Anregungen ist der Zeichen⸗ unterricht auch auf dem humanistischen Gymnasium durch die Preußische Schulreform zum allgemein verbindlichen Lehr- fach geworden. Er hat nicht die Aufgabe, die jungen Menschen zu Künstlern zu erziehen, sondern er soll die rein in- tellektuelle Bildung durch die Einbeziehung der Kunst in die humane Persönlichkeitsbildung überwinden. Nicht das Tech- nische der Ausbildung steht zur Frage, wennschon es selbstredend ohne gründliches Können im Zeichnen sowenig geht, wie im Sprachlichen ohne Grammatik. Geradeein Kunstunterricht in kulturkundlichen Fächern, der einer solchen Grund- lage entbehrte, bleibt garzuleicht ohne innere Anschauung und verfällt der Schwätzerei, dem Phrasentum. Daß aber der Zeichenunterricht zum exakten Erfassen des Tatsächlichen und zur genauen Wiedergabe eines Tatbestandes zwingt, kurz, daß er wirklichsehen macht, liegt auf der Hand, damit wird ein altes Bedenken, das gerade Naturwissenschaftler gerne gegen humanistische Bildung erhoben haben unsere Abiturienten und Studenten könnten nicht sehen beseitigt. Entsprechend der jugendpsychologischen Einstellung der gesamten Schulreform wird auch der SZeichenunterricht in der Kindheitsstufe(VI V) zunächst mehr den Spielbetrieb berücksichtigen, in dem Knabenalter(IV OlIII) mehr die Neigung zum Technischen und schließlich beim Jüngling auch das künstlerische Interesse, das sich bekanntlich in sehr verschiedenem Maße und in recht verschiedenen Jahren einstellt. Hier gilt es, jede Verfrühung zu verhindern, während wir auf Grund unserer Erfahrung allerdings Zweiflern gegenüber doch feststellen müssen, daß man ästhetische Interessen und auch künst- lerische Leistungen bei mehr als einem Primaner findet.

Die erforderliche Freiheit des Lehrplanessieht ihre erziehliche Nufgabe des Unterrichts in der Gewöhnung des Schülers an eine selbständige zielbewußte Arbeitsweise. Aus dieser Erwägung heraus werden wir auch von jetzt ab besonders erfolgreiche Schüler versuchsweise aus dem Klassenrahmen herausnehmen, um ihnen Gelegenheit zu möglichst freier Arbeit zu geben. Umsomehr werden wir aber durch die für alle Schüler verbindliche alljährliche Ablieferung von mindestens 10 Zeichnungen auf gründliches Können und fleißige Durchführung achten, wie wir auch von jetzt ab nicht mehr ganz auf Hausaufgaben verzichten wollen.

Sowenig wie in den Sprachen oder in Mathematik kann es uns glücken, alle Schüler in gleicher Weise für den Zeichen- unterricht zu begeistern oder zu guten Leistungen zu befähigen. Aber die Reifeprüfungsordnung, in der ja das Zeichnen als vollwertiges Prüfungsfach erscheint, gibt uns für alle Fächer die Möglichkeit, über schwächere Leistungen hinwegzu- sehen, wenn nur der unbedingt zu erwartende Eifer gezeigt worden ist, das Elternhaus kann gerade in dieser Hinsicht helfen, indem es nicht den etwa vorhandenen Unfleiß eines Schülers mit der Entschuldigung verstärkt, der Junge sei zeichnerisch unbegabt, womöglich gar erblich belastet. Der heutige Zeichenunterricht ist vom früheren völlig verschieden und ermöglicht es bei gutem Willen jedem Schüler, wenigstens eine genügende Zensur zu erhalten, insofern steht er mit Leibesübungen und Musik ziemlich in einer Linie. Gänzlich unbegabte Schüler kommen eigentlich nicht vor.

Andrerseits können wir von zahlreichen Schülern berichten, deren Begabung und Eifer Leistungen zeitigt, die weit über dem Durchschnitt von Schularbeiten stehen. In erster Linie sind hier zwei Jahresarbeiten von Primanern zu nennen, Zeichnungen, Holzschnitte und Xquarelle nach Frankfurter Landschaften, beiden Verfassern wurde die Jahresarbeit als vollgültige Prüfungsleistung gewertet, und sie wurden vom Prüfungsaufsatz befreit. Ferner haben wir zu einem Faschings- kränzchen unsere Nula von Schülern ausmalen lassen, die sich in erfreulichem Eifer selbst Sonntags wurde gearbeitet! und mit bemerkenswertem Erfolg an die schwierige Arbeit machten, nun einmal einen großen Raum mit Bildern zu füllen, deren Format(2 Meter hoch, 20 Meter lang!) allein schon den Reiz der Neuheit in sich trug, wir hoffen, auf diesem Gebiet weiter arbeiten zu können. Und endlich sind unsere zahlreichen Zeichen-Wettbewerbe zu erwähnen, die für sämtliche Schüler bei den verschiedenartigsten Schulereignissen offenstanden, während die Prämiierung in Gestalt wert⸗ voller Bücher nach Altersstufen erfolgte. Unsere Rheinfahrt, unser Weihnachtsmärchen, unsere Jugendspiele, der Fasching, kurz, jede nur erdenkliche Gelegenheit wurde benutzt, um zu versuchen,die ganze Schule mit künstlerischem Geist zu erfüllen und sie zu einer vorbildlichen Stätte der Ausdruckskultur zu machen, in der dem Zeichnen nicht mehr die Aschen⸗ brödelrolle des sogen. technischen Faches zukommt.

Im Erdgeschoß und im Wartezimmer des Direktors sind monatlich wechselnde Xusstellungen unserer Zeichnungen. Sie sollen den Eltern Einblick in unsere neue Arbeit gewähren, um deren verständnisvolle Förderung wir immer bitten.

Piet z.