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unter Leitung der Herren Prof. Michelis, Prof. Dr. Sprengel, Prof. Dr. Flechsenhaar, Prof. Steiger und des Direktors; vier frühere Schüler hatten sich angeschlossen. Leider war der erste Tag einer der regenreichsten dieses Jahres. Wir mußten daher unsere Wanderung stark beschränken. In Limburg, das wir mit der Bahn erreicht hatten, besuchten wir den Dom, gingen dann zu Fuß nach der Schaumburg und nach Balduinstein und fuhren von dort nach Nassau, wo wir das Steindenkmal besuchten und einen leider vergeblichen Versuch machten, den vom Freiherrn vom Stein errichteten gotischen Turm zu besichtigen. Am Abend hielt der Direktor eine Ansprache an die Schüler zum Andenken an den großen Staatsmann und großen Deutschen; später folgten zahlreiche scherzhafte Aufführungen. Der,nächste Tag entschädigte uns für die Unbilden des vorhergehenden. An einem wundervollen Herbstmorgen wanderten wir nach Ems, dann zur Gruft des Freiherrn vom Stein in Frücht und nach Braubach hinab; die Dampferfahrt von dort bis Bingen bei milder Luft und klarem Sonnenschein wird uns wohl immer im Gedächtnis bleiben. Von Bingen kehrten wir mit der Bahn zurück.— An einem klaren, schönen Februartage machten die drei oberen Klassen einen Winterausflug nach dem Feldberg, während die vier unteren von Hohemark über Königstein nach Cronberg wanderten. Die Untersekundaner und Obertertianer machten im Laufe des März einen Ausflug nach dem Taunus.
Am Dienstag d. 27. Mai begingen wir das Andenken Richard Wagners. Der Chor sang zu Beginn den Chor aus den Meistersingern„Wachet auf, es nahet gen den Tag“. In der Festrede führte Herr Prof. Dr. Sprengel etwa folgendes aus:„In Richard Wagner feiern wir einen der großen deutschen Künstler. Er ist nur zu verstehen aus der gewaltigen Geistesbewegung, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine Erneuerung des Deutschtums herbeiführte und mit der Romantik in bewußt völkische Bahnen einlenkte. Richard Wagner ist ein Vollender dessen, was die Romantik wollte, der Schöpfer des romantischen Dramas, wie es E. T. A. Hoffmann vorschwebte. Er wurzelt ganz im deutschen Wesen und hat in seinem Musikdrama Schätze der altdeutschen Dichtung mit einem außerordentlichen Feingefühl für ihre Eigenart und ihren Gehalt neu geprägt, wobei die Musik als unmittelbarer Ausdruck und Träger des Gefühls ebensowohl die Einheit des Inhaltes zum Ausdruck bringt wie seine höchste Steigerung bewirkt. Er hat eine ganz neue, eigenartige und in ihrer Art nicht zu überbietende Form deutscher Kunst geschaffen und sich damit in die erste Reihe der großen Geisteshelden unseres Volkes gestellt“. Von Schülern wurden Richard Wagners„Albumsonate“,(Scheuerpflug I.), das„Albumblatt“(Calvelli-Adorno II, u. Schneider Lib) und der„Kaisermarsch“(Scheuerpflug I. u. Schneider I, b) vorgetragen; der Schluß des Kaisermarsches wurde vom Chor mitgesungen.
Am 16. Juni feierten wir mit dem gesamten deutschen Volke das 25 jährige Regierungsjubiläum unsers Kaisers. Der Direktor hielt die Festansprache. Er warf einen Rückblick auf das vergangene Vierteljahrhundert, suchte die mächtige Entwicklung des deutschen Volkes in diesen Jahren und die sich daraus für unsere innere und äußere Politik ergebenden Aufgaben in großen Zügen darzulegen, schilderte die weltgeschichtliche Bedeutung unsers Kaisers, sein starkes soziales Pflichtgefühl, seine Tätigkeit für das Heer, die Schaffung der Flotte, seine Bedeutung als Friedenskaiser; er schloß, indem er an der Hand von Aussprüchen des Kaisers selbst den Schülern ans Herz zu legen suchte, was er von ihnen erwarte und zu erwarten berechtigt sei, wenn das deutsche Volk innerlich tüchtig und nach außen mächtig bleiben solle.— Eine Anzahl von Prämien- büchern, die uns vom Kgl. Provinzial-Schulkollegium zugewiesen waren, konnte an würdige Schüler verteilt werden.
Am 18. Oktober wurde eine Schulfeier veranstaltet, um den hundertsten Gedenktag der Schlacht bei Leipzig festlich zu begehen. Sie wurde eröffnet durch den gemeinsamen Gesang:„Ich hab' mich ergeben“. Daran schloß sich eine Ansprache von Prof. Dr. Knögel. Er suchte die Frage zu beantworten, was die Schlacht bei Leipzig dem heutigen Geschlechte, im besonderen der Jugend, noch zu sagen habe— die Schlacht als solche, als Ganzes mit ihren unmittelbaren und mittelbaren Folgen, und die Schlacht in einzelnen Ausschnitten, die über den Rahmen des Ereignisses hinaus Gegenwartswert haben. So wurden herausgearbeitet der Kampf um Möckern, der Übergang der Württemberger und der Sachsen, Napoleon vor dem Lagerfeuer bei Probstheida, die betenden Monarchen, die Verluste der Schlacht. Kürzer wurden ihre Folgen behandelt. Leipzig wurde neben Sedan gestellt und auf den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Befreiungs- und den Einheitskriegen hingewiesen. Das leitete zum Schlusse über zu dem Unterschiede zwischen der jetzigen Feier und der fünfzigjährigen Gedenkfeier der Völkerschlacht, wie sie im Jahre 1863 allenthalben in Deutschland und besonders auch in Frankfurt a. M. begangen wurde. Nach der Ansprache sang der Chor das Lied:„Der Gott, der Eisen wachsen ließ“. Es folgten Deklamationen. Dann wurden die Prämien verteilt, die von dem Kgl. Provinzial-Schulkollegium und von einem Freunde unsers Gymnasiums zur Verfügung gestellt waren. Der gemeinsame Gesang:„Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ gab der schlichten patriotischen Feier den rechten Abschluß, indem er ganz im Sinne der Darlegungen des Redners von der Vergangenheit zur Gegenwart überführte.


