14
Die Weihnachtsfeier wurde am Nachmittag des 19. Dezember begangen; sie bestand aus Gesangs- und Instrumentalvorträgen, Deklamationen und dem Vortrag eines Märchens von R. Leander durch einen Oberprimaner.
Bei der Kaisergeburtstagsfeier hielt Herr Oberlehrer Dr. Burkhardt die Festrede; er sprach über die Bedeutung Kaiser Wilhelms II. als Förderer unsrer musikalischen Kultur. Nach einem kurzen Überblick über die Musikpflege der Hohenzollern seit den Tagen des Königtums schilderte er das Eintreten unsers Kaisers für eine Reform des deutschen Männergesanges. Dabei wurde, im Anschluß an eine Würdigung des sog. Kaiser- lichen Liederbuches, der Begriff des Volkstümlichen in der Musik näher bestimmt und festgestellt, daß die höhere Kunst aus dem Boden des wahrhaft Volksmäßigen immer wieder Schönheit und Kraft gesogen habe. Eindringlich wurde auf die Gefahren hingewiesen, die entstehen müssen, wenn die Verbindung, die aus dem Hochland der Musik in das Gebiet des Volkstümlichen führt, völlig zerreißt. Gegenüber mancher so zu erklärenden modernen Scheinkunst hat das Eingreifen des Kaisers den Blick wieder auf das Wesentliche gelenkt. Die angeordnete Reform des Schulgesanges und die Herstellung der Beziehungen zu unserer eigenen älteren Musik in den „Denkmälern deutscher Toukunst“ bedeuten eine praktische Hilfe. Jeder künstlerisch und deutsch Fühlende stimmt dem freudig bei, daß der Kaiser so nachdrücklich wieder auf die ethischen Kräfte der Musik hingewiesen hat, die unserm Volk in trüben Zeiten so viel gewesen sind.— Der Rede ging voran der Vortrag eines gemischten Chors von Phil. Em. Bach und des ersten Satzes aus dem selten gehörten Trio op. 3 des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Ihm folgte unmittelbar die Deklamation der Gedichte„Das deutsche Lied“ von Weismann und „Musik“ von Grillparzer und der Kreutzersche Chor„Dir möcht' ich diese Lieder weihen“. Daran schloß sich das Adagio aus Haydns Kaiserquartett und Gedichte von Fontane(„Du Adlerland“), Scherenberg(„Deutsche Arbeit“) und Felix Dahn(„Die Deutschen im Auslande“). Am Schluß der Feier brachte der Direktor das Kaiserhoch aus. Die uns auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers zugegangenen Prämien, beides Marinebücher, wurden dem Ober- tertianer Konrad Pohle und dem Untertertianer Friedrich Haas verliehen.
Am 4. April wird die Schlußfeier stattfinden, an der die Abiturienten entlassen werden.
Zu Ende September veranstaltete der Verein Ehemaliger Lessing-Gymnasiasten wieder einen Gymnasiastenball, an dem eine Anzahl unsrer Primaner teilnahm. Ein Lokalschwank von Friedrich Stoltze wurde aufgeführt; der Besuch blieb hinter früheren Veranstaltungen zurück, die Stimmung dagegen war vorzüglich. Daß der Verein zwei Vorträge veranstaltet und dazu auch unsere älteren Schüler zugelassen hat, ist bereits im ersten Teil der Chronik erwähnt worden. Wir freuen uns, daß durch alle diese Veranstaltungen die Beziehungen zwischen dem Gymnasium und seinen früheren Augehörigen, zwischen alten und jetzigen Schülern rege gehalten werden. Der Verein hat die Absicht, eine Sammlung der Schriften und Bücher anaulegen, die von früheren Lehrern und Schülern des Lessing-Gymnasiums verfaßt worden sind; diese soll im Zusammenhang mit der Lehrerbibliothek verwaltet werden. Wir begrüßen dieses Vorhaben sehr und bitten auch an dieser Stelle die früheren Lehrer und Schüler, die von ihnen verfaßten Schriften der geplanten Sammlung zuwenden und an
das Lessing-Gymnasium einsenden zu wollen.—
3. Prüfungen.
Im Herbst 1913 fand keine Reifeprüfung statt. Zu Ostern 1914 hatten sich 30 Oberprimaner gemeldet, die am 16. und 17. März sämtlich die Prüfung bestanden, 13 unter Befreiung von der mündlichen Prüfung. Den Vorsitz führte der Direktor, während das Kuratorium durch Herrn Stadtrat Dr. Ziehen vertreten wurde.
Das Zeugnis für den Einjährig-Freiwilligendienst erhielten Ostern 1913 32 Schüler, Michaelis keiner. Davon sind zu einem praktischen Beruf übergegangen 4 Schüler.


