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5 ½ Stunden. Auf diese Weise wird ermöglicht, daß die Nachmittage, abgesehen von wahlfreiem Unterricht, frei werden und den Schülern eine zusammenhängende freie Zeit gewährleistet wird, die ebenso zur Erholung wie zur Pflege selbständiger geistiger Interessen verwandt werden kann. Als sich im Winter 1910/11 in der Bürgerschaft gegen die sogenannte Kurzstunde eine Gegenströmung bemerkbar machte, veranstalteten die städtischen Schulbehörden eine Abstimmung unter den Eltern der Knaben und Mädchen, die die städtischen höheren Schulen Frankfurts besuchen; diese ergab eine bedeutende Mehrheit für die neue Einrichtung. Der Unterricht beginnt. demnach im Sommer um ½ 8 und schließt um 1 Uhr, im Winter beginnt er um S und schließt um ½ 2 Uhr.
Infolge der außergewöhnlich großen Hitze mußte der Unterricht in der ersten Schulwoche nach den Juliferien fast ganz ausgesetzt werden.
Ostern 1911 sind mit Genehmigung der Behörde physikalische Schülerübungen eingerichtet worden, an denen Schüler der Unterprima und Obersekunda teilnahmen. Es wurden zwei Abteilungen zu je zwei Wochenstunden gebildet, die von den Herren Professor Michelis und Oberlehrer Dr. Flechsenhaar geleitet wurden. Die Schüler wurden zumeist zu dreien in Gruppen geteilt, davon jeder eine besondere Arbeit, die meist in Be- ziehung zu dem im Unterricht Durchgenommenen stand, an bestimmten Apparaten zugewiesen wurde. Der Zweck dieser Übungen ist, die Schüler zur Beobachtung und zu eigenem Nachdenken zu erziehen, das Interesse zu beleben und die Lust an selbständiger, wenn auch elementarer wissenschaftlicher Tätigkeit auszubilden.— Daneben besteht auch ferner ein zweistündiger Kursus im geometrischen Zeichnen für Primaner.
Der Unterricht in der philosophischen Propädeutik wurde im zweiten Semester der Unterprima wiederum in der früher beschriebenen Weise vom Direktor erteilt. Abwechselnd wurde den einzelnen Unterrichts- fächern wöchentlich eine Stunde abgenommen, um für elementare philosophische Besprechungen verwandt zu werden; sie bestanden in einer Einführung in die Psychologie und ausgewählten Abschnitten aus der Logik, wobei gelegentlich die Grundanschauungen bedeutender philosophischer Denker besprochen wurden.
Am 30. September würdigte Herr Oberlehrer Dr. Franke in einem Vortrage, dem sämtliche Klassen beiwohnten, die Persönlichkeit und Wirksamkeit der Kaiserin Augusta.— Am 23. November versammelten sich die 5 oberen Klassen, um das Andenken Heinrichs von Kleist zu feiern. Herr Professor Dr. Sprengel gab ein Bild der Persönlichkeit des Dichters und eine Charakteristik seiner Werke und kennzeichnete die Bedeutung Kleists für unser nationales Leben überhaupt und für unsere Dichtkunst insbesondere.— Im Januar besuchten die Schüler der oberen Klassen die Ausstellung von plastischen Werken und Gemälden Arthur Volkmanns, die ihnen vorher in einem Lichtbildervortrag vom Direktor gezeigt und erläutert worden waren.
Am 1. Februar hielt Herr Pfarrer Schuchard, der Leiter der Anstalt Hephata zu Treysa, vor den Schülern der Klassen Prima bis Quarta einen Vortrag über Friedrich von Bodelschwingh, dessen Mitarbeiter in Bethel er selbst gewesen war. Wir sprechen Herrn Pfarrer Schuchard für die lebendige, fesselnde und anschanliche Darstellung des Lebenslaufs und des Wirkens des einzigartigen Mannes noch einmal den herzlichsten Dank aus.
Im Februar sprach Herr Dr. med. Bornemann, wie bereits in früheren Jahren vor Abitnrienten und, soweit sie die Genehmigung ihrer Eltern erhalten hatten, den Unterprimanern und einigen abgehenden Sekundanern über sittliche Fragen und verpflichtete uns auch diesmal durch die seinem Vortrag eigene Verbindung von schlichter Sachlichkeit und sittlicher Wärme zu großem Dank.
Einige Osterabiturienten haben größere freie Arbeiten eingereicht(die kolonisatorische Tätigkeit des Großen Kurfürsten; Bismarcks Kolonial-Politik; Ibsens„Helden auf Helgeland“ und„Kronprätendenten“ in ihrer Bedeutung für die Dichterentwicklung des Verfassers). Außerdem haben mehrere Oberprimaner größere Arbeiten abgefaßt, die sich auf Gegenstände des griechischen Unterrichts beziehen.
— Der stenographische Unterricht wurde in derselben Weise wie früher, nämlich durch Schüler, in drei Gruppen nach dem System Stolze-Schrey erteilt.— Die freiwillige Turnriege hielt im Winter regelmäßig am Freitag unter zahlreicher Beteiligung ihre Ubungen ab. Die Leitung übernahmen freiwillig mehrere Herren des Kollegiums im Wechsel.
2. Schulfeste.
Am 16. Mai fand in der herkömmlichen Form das Maifest statt.
Am 20. August wurde in der Kleeblatt'schen Badeanstalt, geleitet von Herrn Professor Michelis das Schwimmfest abgehalten, bei schönster Witterung und unter starker Beteiligung, vor allem auch von früheren Schülern der Anstalt, die sich auch in stattlicher Anzahl am Wettschwimmen beteiligten. Wiederum waren zahlreiche Preise gestiftet worden, u. a. aus den Mitteln der Baierstiftung, vom Verein ehem. Städtischer Gymnasiasten und vom Verein ehem. Lessing-Gymnasiasten. Die Meisterschaft erwarb Karl Weinsheimer Ir.— Bei dem Stafetten-Wettschwimmen, das im September von dem Ersten Frankfurter Schwimmklub veranstaltet wurde, gewann unsre Mannschaft den zweiten Preis.


