Jahrgang 
1908
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2. Schulfeste.

Das Maifest fand diesmal erst am 11. Juni statt. Die Oberprima suchte gewohnheitsgemäß Heidelberg auf, die übrigen Klassen wühlten sich näher gelegene Ziele im Taunus, Rheingau, Spessart, Odenwald.

Im August fand, wieder unter der Leitung des Herrn Professors Michelis, in der Kleeblattschen Bade-Anstalt das Schwimmfest statt. Die Meisterschaft erwarb Stilgebauer(II1).

Das Sedanfest wurde diesmal wieder in der früher üblichen Weise durch turnerische Vorführungen gefeiert. Mit gütiger Bewilligung der Verwaltung durften wir einen Teil des waldumrahmten Rennplatzes am Oberforsthaus benutzen, der sich auf das trefflichste eignete. Von der Wilhelmsbrücke zogen wir mit Musik, die Schulfahne voran, nach unserm Ziel. Dort hielt Herr Oberlehrer Dr. Kaehler eine Ansprache, die mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland schloß. Freiübungen, von sämtlichen Klassen gemeinsam ausgeführt, folgten. Nach einer Pause riefen Fanfaren zum Wettturnen, nach dessen Schluß der Direktor die in Eichenkränzen be- stehenden Preise verteilte. Als bester Turner erwies sich Kreiling(I2 a). Mit Musik zogen wir dann um die Mittagsstunde wieder zurück nach der Wilhelmsbrücke, wo der Zug sich auflöste. Zu unsrer Freude hatten zuhlreiche Eltern und eine Anzahl alter Schüler an dem Feste teilgenommen.

Bei den Schlagballwettspielen der hiesigen städtischen höheren Schulen, die im September stattfanden, erwarb sowohl unsere Oberabteilung wie unsere Unterabteilung den ersten Preis. Der Unterabteilung fiel damit der in einer Plakette bestehende Wanderpreis zu, den ein Gönner dieser Spiele gestiftet hat.

Am Freitag dem 19. und Sonnabend dem 20. September machten die Schüler der Prima und Obersekunda unter Führung des Direktors und der Herren Professor Dr. Jungblut, Professor Michelis, Oberlehrer Dr. Flechsenhaar und Gymnasiallehrer Reil eine Turnfahrt nach Weißenburg und Wörth. Herr Professor Michelis hatte den Ausflug durch einen Vortrag über die Ereignisse des 4. und 6. August 1870 auf das beste vorbereitet. Er verlief bei herrlichstem Herbstwetter. Wir fuhren mit der Bahn nach Weißenburg, besuchten unter der trefflichen Führung des Herrn Rechnungsrats Hennenhofer zu Weißenburg, der für uns alles sorgsam vorbereitet hatte, das Schlachtfeld, sahen von der Höhe des Geisberges auf die Landschaft herab und wanderten dann, vielfach durch Wald, am Rande der Berge hin nach Wörth. Noch ehe wir in den Ort hinabstiegen, betrachteten wir das Kaiser Friedrich-Denkmal und gewannen von dort einen ersten Uberblick über das Schlacht- feld von Wörth. Zum Abendessen vereinigten wir uns im GasthausZum weißen Roß. Musikalische Gaben, geboten von einem freiwilligen Schülerorchester unter Leitung von Karl Rau(I2a), und die Aufführung von zwei Hans Sachs'schen Fastnachtsspielen durch Ernst Majer(I)), Otto Ludwig(ID, Otto Schmöle Ia b), Karl Klamberg(I2 b) verschönten unser fröhliches Beisammensein. Für die Nacht war uns in verschiedenen Gasthöfen und Privathäusern Quartier bereitet. Am nächsten Morgen zogen wir über das Schlachtfeld, und es war wohl keiner, den diese Wanderuug von Grab zu Grab, von Denkmal zu Denkmal nicht ergriffen hätte. Mit der Bahn fuhren wir nach Weißenburg zurück, wo wir ein spätes Mittagessen einnahmen; um 11 Uhr abends trafen wir wieder in Frankfurt ein.

Am letzten Abend vor Beginn der Weihnachtsferien begingen wir wieder bei Chorgesang, Deklamation und musikalischen Vorträgen unsre Weihnachtsfeier.

Am 24. und 25. Januar veranstalteteten wir in unsrer Aula eine musikalisch-dramatische Schüler- aufführung. Unser Schülerorchester stand wieder, nun schon im dritten Winter, unter der bewährten Leitung des Herrn Ferdinand Küchler. Es wurden gespielt: die 5. Symphonie von Haydn(D dur), ein Mozartsches Andante in C dur für Flöte und Orchester(das Flötensolo spielte Fritz Ludwig I a) und der erste Satz des Klavierkonzerts B dur mit Orchesterbegleitung von Beethoven(die Klavierpartie spielte Walter Weyrauch I)). Ferner wurden die beiden Fastnachtsspiele von Hans Sachs, die uns schon bei unsrer Turnfahrt erfreut hatten, Der Teufel und das alte Weib undDer fahrende Schüler im Paradies einem größeren Paublikum vorgeführt. Mitspielende waren Ernst Majer-Leonhard(In), Otto Schmöle(I. b), Karl Klamberg(Ia b), Heinz Sondheim(I. b) und Heinz Laquer(II1). Sämtliche Stücke fanden den freundlichen Beifall der Zuschauer. Der kleine Überschuß, den die Veranstaltung ergab, wurde der Schülerunterstützungskasse zugeführt.

Zu Kaisers Geburtstag hielt Herr Oberlehrer Schuster die Festrede; er sprach über die Idee der Persönlichkeit. Er ging aus von dem Suchen nach den persönlichen Lebenswerten, wie es sich gegenwärtig in Kunst und Wissenschaft, auf sozialem und religiösem Gebiet beobachten läßt. Er versuchte dann den Begriſt der Persönlichkeit zu bestimmen als den einer eigenartigen, reifen, durch die Zucht großer Ideen zu sittlicher