Noch in den Osterferien traf ein herber Verlust das Lehrerkollegium. Unser
lieber seit 18 Jahren im Ruhestand lebende Amtsgenosse Carl Christian Gräf
starb am 16. April 1914 im Alter von 78 Jahren. Seit Gründung der Klingerschule hat er ihrem Lehrkörper angehört und fast 40 Jahre an ihr gewirkt. Seiner lieben Schule wahrte er auch im Ruhestand die alte Treue. Besonders bei dem 50 jährigen Jubiläum bewies er in dankenswerter Weise seine Anhänglichkeit. So lange sein Gesundheits- zustand es erlaubte, suchte er uns auf und ließ sich von dem Ergehen der Schule erzählen. Er war für uns die lebende Tradition. Im Namen des Kollegiums legte der Direktor mit warmen Worten des Dankes an seiner Bahre einen Kranz nieder.
Eine nicht zu ersetzende Lücke hat der grausige Krieg in unsere Schulge- meinschaft durch den Heldentod des Oberlehrers Au gust Wilhelm Loewenstein gerissen. Ein Mann von seltener Begabung, ungemein regsamem Geiste, wohltuender persönlicher Liebenswürdigkeit hat er sich die größte Liebe und Verehrung bei Amtsgenossen und Schülern erworben. Bei seiner geistigen und körperlichen Frische war er der geborene Lehrer und Erzieher. Und gerade seine erzieherischen und organisatorischen Fähigkeiten stellte er in den Dienst der gesamten Frankfurter und deutschen Jugend. Unvergessen werden bei uns pleiben die von ihm geleiteten Schul- feste, die Weihnachtsfeiern, die Sedantage, am höchsten aber wird für alle Zeiten seine Arbeit eingeschätzt werden, die er in dem Jungdeutschlandbund, vor allem in dem hiesigen Pfadfinderverein in uneigenützigster Weise geleistet hat. Wie sehr er in den maßgebenden Kreisen, besonders von Sr. Exzellenz dem Herrn General- feldmarschall Freiherrn von der Goltz geschätzt wurde, dafür liegen vielfache Beweise vor.
Loewenstein hat 10 Jahre unserer Anstalt angehört. Beim Ausbruch des Krieges eilte er sofort zu seinem Inf.-Regiment Nr. 15, dem er als Oberleutnant der Reserve angehörte. Vom 12. bis 16. August war er bei der Belagerung von Lüttich, am 22. August kämpfte er bei Aldegomde, am 23. August bei Lobbes, vom 27. August bis 7. September lag er vor Maubeuge. Am 13. und 14. September waren die Kämpfe bei Loivre, am 18. bei la Neufville. Am 27. September erhielt er bei Loivre die tödliche Verwundung. Sein Wunsch war, in die Heimat zu kommen. Am 3. Oktober wurde er in den Lazarettzug gebracht, am 4. Oktober morgens 4 Uhr wurde er in Anor in Nordfrankreich von seinem Leiden erlöst. In Anor ist sein Heldengrab. Die letzte Nachricht von ihm erhielten wir durch eine Karte vom 22. September, in der er mitteilte, daß ihn seit dem 13. September das eiserne Kreuzschmückte. Er war zum Hauptmann und Kompagnieführer befördert worden und stand zuletzt im Divisionstab. Er hat auch als Soldat sich bewährt wie selten einerl
Seinem Andenken war der erste Schultag nach den Herbstferien gewidmet. In der zur Ehrung des gefallenen lieben Freundes und verehrten Lehrers abgehaltenen Trauerfeier hielten Herr Professor Lic. Hillmann und der Direktor die Ansprachen. Der Name August Wilhelm Loewenstein wird bleiben in der Geschichte un- serer Schule! Sein Andenken wird nicht vergehen in den Herzen aller derer, die mit ihm in Berührung kamen!
Von den andern Mitgliedern des Lehrkörpers stehen im Felde die Herren Oberlehrer Köhne, Oberlehrer Schmidt, Dr. Mayer, Gesanglehrer Weimar, cand. prob. Dr. Sondheimer, die Herren Seminarkandidaten Dr. Hip PDe, Suhr, Nießner,
Lehrer- kollegium und Schüler.


