Jahrgang 
1875
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Unfähigere dem Größern, Stärkern, Fähigern, und darum auch das Jüngere dem Aelteren unter, wenn ſich das Aeltere nur auch als das Größere, Stärkere, Fähigere darſtellt.

Und darin, meinen wir, liege das ganze Geheimniß. Sorge nur, Vater, Mutter, ſorge nur daß du deinem Kinde in der That geiſtig und ſittlich überlegen erſcheinſt, daß dein Kind in der That in dir den geiſtvolleren, beſſeren Menſchen ehren und verehren könne, und es wird dein Kind von ſelbſt mit Ehrfurcht zu dir aufblicken, und gernedeiner Stimme gehorchen! Nicht den Worten, der Stimme folgt der wahre Gehorſam. Nicht der Inhalt des Gebotes, die Perſönlichkeit des Gebietenden erzeugt den wahren Gehorſam. Mache dich zur rechten Perſönlichkeit, Vater, Lehrer, Erzieher, und dein Kind und Zögling wird dir den rechten Gehorſam zollen.

Jede Schwäche, die dein Kind an dir gewahrt, ſchwächt ſeinen Gehorſam. Sieht es, daß du ſelbſt nicht Herr deiner Leidenſchaft bleibſt, wie ſollte es aus Ehrfurcht vor dir eine Kunſt zu üben ſich entſchließen, die du ſelbſt nicht verſtehſt, in der du ihm ſelbſt nicht mit Meiſterſchaft vorangehſt. Der Zorn ſelbſt, die Heftigkeit, in der du gebieteſt und verbieteſt, kann dein Kind, deinen Zögling in Schrecken und Angſt verſetzen und einen augenblicklichen Gehorſam erzielen, ſchwächt aber ſicherlich die Verehrung und ſomit jenes von ſelbſt und gern ſich unterordnende Gefühl in der Bruſt deines Kindes und Zöglings, das die einzige und unerſetzbare Quelle jenes Gehorſams bildet, der auch gehorcht, wenn du nicht da biſt, der auch gehorcht, wenn du weder von dem Gehorſam oder Un⸗ gehorſam je etwas erfährſt, der auch gehorcht, wenn zwiſchen Kind und Erzieher Meer und Länder, Grab und Ewigkeit liegt.

Als Joſef die dem Jünglinge ſchwerſte Prüfung verlockender Sinnlichkeit zu beſtehen hatte, erſchien ihm nach dem ſinnigen Wort der Weiſen das Bild des fernen, fernen Vaters, und ſchreckte im Momente des Schwankens ihn zurück von der Sünde und ließ das: wie ſollte ich ein ſo großes Unrecht begehen und mich gegen Gott verſündigen?! in ſeiner Bruſt Meiſter und Sieger der Sinnlichkeit und ihrer Reize bleiben, und erhielt den Jüngling ſeiner reinen, geiſtig großen Beſtimmung.

Dafür ſorge, Vater und Mutter, ſorge dafür daß das Bild, welches du durch dein ganzes Leben in das Gemüth deines Kindes von deinem geiſtigen und ſittlichen Weſen einprägeſt, ein reines, ehrfurcht⸗ gebietendes ſei, und das bloße Andenken an dich wird dein Kind bis in die tiefſte Faſer ſeines innerſten Weſens beherrſchen.

Es iſt ſomit ein ernſter, großer Augenblick, in welchem Gott eine junge Menſchenſeele einem Vater, einer Mutter zur leiblich-geiſtigen und beides vermittelnd und durch beides zu erzielen, zur ſittlichen Pflege in die Arme legt. Es iſt eine ernſte große Aufgabe, die er ihnen mit dieſem Vertrauen giebt, eine Aufgabe, die ſie zuerſt an ſich ſelber zu löſen haben. Nicht nur weil ſie dieſem Kinde die geiſtigen und ſittlichen Führer zu allem geiſtig und ſittlich Guten und Wackern werden ſollen, müſſen ſie ſich fortan ſelbſt die größte Meiſterſchaft im geiſtigen und ſittlichen Guten und Tüchtigen wünſchen, und darum ſchon um ihrer Kinder willen um allen Preis anzueignen ſuchen; nicht nur weil das Beiſpiel, die That, das Wort, die Miene, den mächtigſten Eindruck auf die weiche Kinderſeele übt, und, damit ſie nicht ſelber die Seele ihres Kindes geiſtig und ſittlich vergiften, Eltern und Erzieher mit doppelter Aengſtlichkeit jede ihrer Thaten, Worte, Mienen und Geberden überwachen müßten, damit ſie ihren Kindern und Zöglingen nicht das Beiſpiel ſittlicher Schwächen und Untugenden doppelt verderblich wenn von Eltern und Erziehern geübt darbieten; ſondern weil ſchon die durch Gehorſam und Folgſamkeit des Zöglings bedingte Aufgabe der Erziehung überhaupt in aller erſter Linie durch die geiſtige und ſittlliche Ueberlegenheit, ſomit durch die geiſtige und ſittliche, möglichſte Vollkommenheit des Erziehers bedingt iſt. Vater ſein, Lehrer ſein, heißt vor allen