Jahrgang 
1875
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nennt das Gemüth des Vaters, nennt das Gemüth der Mutter das Kind wie ſteht es mit ihrer Liebe zu ihm, wie ſollte es mit ihrer Liebe zu ihm ſtehen?

Mit der Liebe? So wollen wir nicht fragen, die ſollte von vornherein und unverlierbar allen Kindern in gleichem Maße zugewandt ſein und bleiben; allein nach dem Maße und dem Umfange der Bethätigung dieſer Liebe danach möchten wir fragen. Wem ſollten Eltern wenn ſie ihre Beziehung zu den Kindern und den Werth und die Bedeutung der Kinder für ſie begriffen wem ſollte die Liebe der Eltern in einem größern Grade und Maße der Bethätigung ſich zuwenden, dem Begabten oder Unbegabten, dem Gut⸗ oder Schlechtgearteten? Welches Kind iſt am meiſten der Liebe bedürftig, für welches Kind iſt die Liebe, die Eltern⸗Liebe faſt der einzige Hebel und Rettungs⸗ anker, der es aus geiſtiger Verdummung zum Lichte, aus ſittlicher Verkümmerung zur ſittlichen Rein heit und Vollendung emporhebe und rette, mit welchem Kinde hat Gottes Vorſehung den Eltern eine größere Aufgabe, ein größeres Zeichen des Vertrauens gegeben iſt es nicht gerade das geiſtig minder begabte, das ſittlich nicht gut geartete Kind? Das kluge, geiſteshelle Kind wird auch ohne dich zuletzt zu glänzendem Verſtande und Kenntnißreichthum gelangen, das ſittlich gut geartete auch ohne dich brav und wacker werden aber das geiſtig ſchwach begabte, vor Allem das ſittlich gefährdete Kind, ſiehſt du nicht, wie das ſo ganz eigentlich deiner Liebe, deiner hingebendſten, nimmer ermüdenden Liebe übergeben iſt, auf daß du an ihm die höchſte Elternaufgabe löſen ſollſt, und an ihm die Eltern liebe ihre höchſten Triumphe feiern kann, einen dämmernden Geiſt in's Licht klaren Bewußtſeins gehoben, und was noch mehr, unendlich mehr bedeutet, eine von ſittlichen Abwegen bedrohte Seele für das reine, ſittliche, menſchenbeglückende, gottdienende Leben gerettet zu haben! Wie entfaltet ſich doch einem körperlich leidenden, einem leiblich kranken, gebrechlichen Kinde gegenüber die Elternliebe in ſtrahlender, aufopfernder Thätigkeit! Wie pflegt ſich alle Sorge und Zärtlichkeit des Vaters und der Mutter in die Pflege und Sorgfalt für ein leidendes, gebrechliches Kind zu concentriren; und welche Triumphe feiert das Mutterherz in dem Bewußtſein, ohne deine Pflege, ohne deine unausgeſetzte Wachſamkeit und Hingebung wäre das Schwache längſt verkommen und begraben, das nun geſund und blühend einer heiter glücklichen Zukunft entgegen lächelt! Und iſt das geiſtig oder ſittlich kranke und leidende minder unglücklich, minder mitleidens- und bedauernswerth, iſt es vor Allem nicht vollends verloren, wenn ihm ſich des Vaters oder der Mutter Liebe entzieht? Für das leiblich kranke iſt die Liebe nur die Pflegerin; für das geiſtig, vor Allem für das ſittlich kranke iſt aber die Liebe ſelber die Arznei, iſt gar Liebloſigkeit Gift, und Vater und Mutter, die dem ſittliche Gebrechen zei genden Kinde ihre Liebe verſagen, verſagen ihm die Arznei, die es heilen könnte, ja ſtürzen es ſelber in eine haßgetränkte Atmoſphäre, in welcher die krankhafte ſittliche Anlage unabweislich zur ſittlichen Verderbniß aufwuchert.

5.

Gehorſam.

Wenn unſere Kinder uns nicht gehorchen, ſo ſehen wir nur erſt zu ob wir es denn auch ver⸗ ſtehen ihnen zu gebieten, ob wir denn an uns die Bedingung erfüllen, die jeder natürliche Gehorſam vorausſetzt, die Bedingung nämlich, daß wir uns den Kindern gehorſamwürdig darſtellen. Nicht nur im Kreiſe der Menſchen, überall in der lebendigen Natur ordnet ſich das Kleinere, Schwächere,