Jahrgang 
1875
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4. Das PLieblingshind.

Es ſoll kein Kind unter Kindern Liebling des Vaters oder der Mutter ſein. Alle Kinder ſeien in gleicher Weiſe des Vaters und der Mutter Lieblinge, Allen ſei in gleicher Weiſe der Eltern Liebe zugewandt. Und wenn ſich nun noch gar der Eltern Gefühle theilen, das eine Kind ſich als Liebling des Vaters, das andere als Liebling der Mutter weiß, dann muß der allgütige Gott ſeine beſondern Engel über ſeine Lieblinge ſenden, daß die Kinder nicht an der unverſtändigen Liebe und Gleichgültigkeit des Vaters und der Mutter zu Grunde gehen!

Ueberhaupt nicht von zuwendenden und abſtoßenden Gefühlen vom klaren denkenden Pflicht⸗ bewußtſein ſoll der Eltern Herz ſich den Kindern gegenüber bewegen und leiten laſſen, ſoll ſie nicht danach was ſie bereits ſind, nicht nach den Eigenſchaften und Tugenden, die ſie bereits haben, ſondern danach ſchätzen und hochhalten, was ſie durch die Erziehung der Eltern werden ſollen, und nach der hohen Bedeutung, die ihnen als von Gott anvertrauten Pfändern zukommt.

Wehe wenn es anders iſt! Wehe Kindern und Eltern, wenn blinde, unberechtigte Gefühle und Empfindungen der Eltern Geſinnungen beſtimmen und das Wort, das ſo oft von unverſtändigen Schwätzern und Schwätzerinnen gehört wird: das iſt des Vaters, das der Mutter Liebling, dieſes Wort nicht Vater und Mutter empört, dieſes Wort gar eine Wahrheit wäre!

Wir ſchweigen von dem verderblichen Einfluſſe, den dieſe wirkliche oder vermeintliche Bevor⸗ zugung auf die ganze Entwickelung desLieblings nothwendig haben muß. Er liegt auf der Hand. Wir wollen nur von dem Verderben ſprechen, den die wirkliche oder vermeintliche Zurückſetzung auf das zurückgeſetzte oder ſich als zurückgeſetzt fühlende Kind übt, und von der ſchweren Verantwortlich⸗ keit, die die Eltern um ſo mehr trifft, je mehr das Kind wirklich zu einer ſolchen Zurückſetzung Ver⸗ anlaſſung giebt.

Sehen wir uns um in dem Kreis gewöhnlicher Familien. Welches Kind iſt gewöhnlich das Aſchenbrödel im Hauſe? Es iſt nicht immer das ſchlimmſte und ſchlechteſte, es iſt vielmehr meiſt das edelſte und beſte, aber es iſt vielleicht minder ſchön, oder minder geiſtreich, minder mund⸗ gewandt, es iſt eine Cordelia unter den Töchtern eines Lear, ein David unter den Söhnen Iiſchai's, mit einer Tiefe der Empfindung, die eben die Oberfläche des Lippenwinds verſchmäht, und von be⸗ ſchränkten Eltern verkannt wird, mit einer hingebenden Demuth, die zu jedem Dienſt bereit iſt, und darum dienſtbar wird Abgeſehen davon! An tauſend Wunderlichkeiten knüpft ſich ja oft die Sympathie oder Antipathie eines Vaters oder einer Mutter, und Contraſte rufen Neigungen hervor. Ein Iſaak liebt einen Eſau, weil dieſer gerade Eigenſchaften glänzend entwickelt, die ihm, dem Vater, völlig abgehen und in denen er ſeine Ergänzung findet, und eine Rebekka liebt den Jakob, weil in ihm ſich ein Lebensbild entfaltet, von dem man in ihrem väterlichen Hauſe keine Ahnung hatte. Es ſei ein Kind wirklich geiſtig minder begabt, begreift ſchwer, verſteht nicht leicht, kommt höchſt ſchwerfällig zu einem eigenen ſelbſtleitenden Gedanken, es bleibt in der Schule zurück und zu Hauſe können die Eltern wenig, wie man ſpricht, mit ihm beſchicken. Oder, was noch ſchmerz⸗ licher wäre, es ſei ein Kind mit Anlagen und Neigungen begabt, die ſeine künftige Sittlichkeit gefährden, es zeigt ſich ſchon früh auf Abwegen von der Wahrhaftigkeit, von der Redlichkeit, von der Auf⸗ richtigkeit, von der Beſcheidenheit, von der Mäßigkeit, von der Folgſamkeit u. ſ. w. von all den Tugenden, die den künftigen, braven und ſittlich edlen Menſchen bedingendumm,ſchlecht