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und darum hören ſie nimmer auf zu ſorgen und ſind auch des errungenen Biſſen Brodes nicht froh! Denn es drückt ſie die Sorge für den nächſten Biſſen und ſie wiſſen es, daß ſie aus dieſer Sorge nie herauskommen, nie durch den fleißigſten Fleiß und die ſorgſamſte Sorge auch für den nächſten Tag das Glück ihrer Familien ſichern werden, daß die Familien⸗Laſt nicht geringer, daß immer größer wird der Bedarf des Hauſes, und wie die Kinder wachſen, ſo auch die Sorge für die Kinder wächſt, und darum ſitzen ſie früh auf, ſpät hin und eſſen das Brod der Sorgen; denn eine ſchwer zu tra⸗ gende Bürde iſt ihnen eine reiche Kinderzahl, iſt eine Laſt, die zu tragen die Kraft ihnen fehlt, die heiter zu tragen ihnen der Muth gebricht. Denn ſie ſind nicht leichtſinnig. Sie möchten ſie alle beglücken, die kleinen Menſchenſeelen, die Gott ihren Händen übergeben, möchten ſie alle geſund, alle ſatt, alle wohlgekleidet und wohlgebildet wiſſen, und ſie einſt wohlverſorgt und wohlgeehrt in der Welt erblicken— dieſe Sorge füllt ihr Gemüth und dieſe Sorge raubt ihnen den Schlaf.—
Denen aber, die ſich von Gott geliebt, in Gottes Bundesnähe wiſſen, giebt gerade eben dieſer Gedanke, dieſes Bewußtſein der Unzulänglichkeit alles menſchlichen Thuns, den Schlaf. Was Andere niederſchlägt erhebt ſie, was Andere mit Bekümmerniß erfüllt gewährt ihnen Ruhe. Eben weil ſie nicht Alles ausſorgen können, wiſſen ſie, daß ſie nicht Alles auszuſorgen haben, wiſſen ſie, daß auch hinſichtlich der Kindererziehung und Kinderverſorgung ſie nicht Alles allein zu erreichen haben, wiſſen, daß ſie— wenn für etwas—, ſo für die Zukunft ihrer Kinder einen großen Mitträger, Mit⸗ verſorger und Miterzieher haben, der nur darauf wartet, daß ſie das Ihrige thun, um dann voll das Seinige zu thun, der zu ihnen ſpricht: ſchlafet nur ruhig, denn eure Kleinen ſind mein.
Keine Laſt, keine Bürde, der höchſte, dauerndſte von Gott ertheilte Reichthum ſind Kinder Dem, der ſich als von Gott geliebt, als im Freundſchaftsbunde Gottes geführt und getragen fühlt. Der höchſte Schatz und der höchſte Lohn, das Höchſte und Beglückendſte zugleich, was Gott einem Men⸗ ſchen anvertrauen kann, ſind Kinder, ſind junge Menſchenſeelen, denen Vater und Mutter Vater und Mutter werden ſollen! Sie ſind in ihre Hände gelegt wie Pfeile in die Hand des Helden! Das Ziel hat Gott geſteckt. Und für dieſes Eine, gottgeſteckte Ziel hat Gott jedem Vater, jeder Mutter die Kraft gegeben, alle Kräfte ihres Kindes mit ſtarker Hand zu leiten. Pfeile in Helden⸗Hand ſind Kinder, ſind aber, nach unſeres Liedes Wort, vor Allem: Kinder der Jugend, Kinder, die Eltern in ihrer Jugend haben, Kinder, deren Eltern ſelbſt noch in der Kraft der Jugendfriſche ſtehen. Es iſt damit auf den unendlichen Segen, auf den unendlichen Gewinnſt hingewieſen, der für Gedeihen und Erziehung der Kinder in dem frühen Verheirathen der Eltern liegt, und es gehört wahrlich kein großer Scharfblick und keine ſeltene Erfahrung dazu um die tiefe Weisheit dieſes Wortes zu begreifen. Nach welcher Richtung hin wir blicken ſpringt der Segen in die Augen, wenn an der jugendlichen Mutter, an dem jugendlichen Vater die jungen Kinderſeelen heranblühen. Da liegt die eigene Kind⸗ heit und Jugend, das eigene Knaben- und Mädchen⸗, Jünglings⸗ und Jungfrau⸗Alter dem Vater und der Mutter noch gar nicht ſo ferne, Eltern verſtehen ihre Kinder viel leichter und wahrer, haben ein viel leichteres Verſtändniß für das, was ſie beglückt und betrübt, für das, was ſie fördert und hemmt, für ihre Anſchauungen und Begriffe, ihre Neigungen und Strebungen, für ihr ganzes Seelen⸗ leben in deſſen aufdämmernder Entwickelung, wenn die Alterskluft nicht ſo groß iſt, wenn ihr eigenes leibliches und geiſtiges Weſen noch empfänglicher iſt für die wohl⸗ und wehthuenden Eindrücke der⸗ ſelben Welt, in welcher die jungen Kindergemüther ſich bewegen, wenn der Kinderlärm und die Kinder⸗ ſpiele noch nicht auf ein grämliches, Ruhe heiſchendes, Alter ſtoßen, das den geſetzten Ernſt des Alters ſchon vom Knaben und die Unempfänglichkeit für die heitere Welt vom Jüngling und der Jungfrau fordert, das die geräuſchvolle Entwickelung des Kindeslebens nicht mehr ertragen kann, und ſich um den Preis des ganzen Selbſtgeſchäfts der Erziehung— Ruhe verſchafft. Glücklich die Zeit, und


