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kannſt“, ſollſt du ihm nur darum wo möglich auch die Gründe deiner Forderungen und Verſagungen mittheilen, damit es deine Anordnungen nicht als Erzeugniſſe deines Eigenſinns auffaſſen und da⸗ durch ſelbſt aus deinem Beiſpiele„eigenſinnig ſein“ lerne, vielmehr erkenne, daß auch du mit allen deinen Anforderungen nur dem Diktat des Guten folgeſt und ſelbſt unter das Gebot eines Höhern dich ſtellſt. Allein folgen ſoll es ja ſelbſt dann deinen Anforderungen nicht, weil es ſie ſelbſt für gut und heilſam erkennt, ſondern aus pflichtmäßiger Unterordnung unter deine beſſere, höhere Intelligenz. Nur durch dieſe Unterordnung unter ein höheres Diktat werden ja alle unſere Lebens⸗ ſchritte ſittliche Handlungen, ſonſt ſind ſie häufig nichts mehr als Reſultate der Klugheit und der Nützlichkeitsberechnung und wurzeln in dem größten Feinde aller Sittlichkeit, dem Egoismus, der Sorge für ſich ſelbſt und um ſich ſelbſt aus bloßer Liebe und Verehrung ſeiner ſelbſt.
Nicht früh genug können wir daher den Zögling in jener Fähigkeit und Fertigkeit üben, die bis an ſein Grab hinan all ſeine künftige Sittlichkeit bedingen wird, nicht früh genug im Gehorſam üben und durch wiederholte Uebung an Gehorſam, d. i. an ſelbſtbeherrſchende Unterordnung ſeines Willens unter ein höheres Gebot gewöhnen. Meinen wir doch nicht, daß dies Zeit hätte. Ueben und gewöhnen wir das Kind nicht im Gehorſam, ei ſo üben und gewöhnen wir es ja im Gegentheil und haben dann, wenn wir ſpäter Folgſamkeit von ihm fordern und ſie nicht finden, nicht mit der„böſen Na— tur“ des Kindes, ſondern mit unſerm eigenen Unverſtande zu kämpfen, der zuerſt bereits Jahre lang — und der fortgeſetzte Eindruck zweier erſten Jahre iſt ein überaus langer und nachhaltiger, weil er eben die noch friſche, völlig unbeſtimmte Natur des Kindes getroffen— alſo, meinen wir, mit unſerm eigenen Unverſtande hätten wir dann zu kämpfen, der zuerſt Jahre lang das Kind in Eigen⸗ willigkeit und Eigenſinn übte und gewöhnte, alſo ganz eigentlich verwöhnte, und nun eine plötzliche Umkehr erwartet und fordert, daß nunmehr die eigenſinnige Eigenwilligkeit in gefügige Folgſamkeit umſchlage und ihren Sinn und Willen unſerm Sinne und unſerm Willen unterordne. Im erſten und zweiten Jahre und oft noch länger gehorchen unverſtändige Eltern dem Kinde, lächeln über ſeine „Unarten“, gewähren ihm, damit es nur nicht ſchreie, Alles, und ſehen nicht, daß ſie mit dieſer un— verſtändigen„Schwäche“— dem Gegenſatze zu der von dem ſow zu erwartenden Feſtigkeit und Stärke— dem Kinde und ſich vielleicht aufs Leben hinaus die größte Ruthe binden. Wenn du dich im erſten und zweiten Jahre von deinem Kinde erziehen läſſeſt, du biſt der Schwache und es der Starke, dann glaube nicht, daß es dir im dritten und vierten Jahre leicht werde, plötzlich die Rollen zu wechſeln.
3.
„Kinder der Jugend.⸗ (Pſalm 127.)
In den Kreis bekümmerter Hausväter und Familienmütter tritt dies„Stufen⸗Lied“ Salomonis und will, wie alle„Stufen⸗Lieder“, aus der ſorgumflorten Erdenniedere in die heitere Höhe be⸗ glückender Gottes⸗Nähe führen. Es ſieht ſie, die von Sorgen gedrückten Eltern, in Mitten ihrer Kinderhäuflein, die mit dem Nöthigen zu verſorgen ihnen ſo ſchwer wird. Die Kleinen ſchlafen noch und ſchlafen ſchon, aber den Augenlidern der Eltern entflieht der Schlaf, ſie ſind früh ſchon auf und ſitzen bis ſpät hin in die Nacht, um das Brod für ihr Haus zu gewinnen. Sie ſorgen und ſorgen und fühlen, daß ſie aus der Sorge nicht herauskommen, fühlen, daß alles Sorgen vergebens;
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