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grund, die leider gemeinhin gar nicht oder doch lange nicht in der ganzen Schwere und Schärfe gewürdigt wird, die ihr nach Allem innewohnt, wir meinen die Aufgabe der Charakterbildung unſerer Kinder. Wir haben nichts, mit Allem nichts gethan, wenn wir unſere Kinder nicht zu guten Menſchen herangebildet, wenn wir ſie nicht früh gewöhnt und geübt, um Gottes Willen alle die dem natürlichen, ſich ſelbſt überlaſſenen Menſchengemüthe ſo nahe liegenden Untugenden und Charakterfehler der Feindſchaft, der Rache und des Haſſes aus ihrem Gemüth zu bannen. Ob unſere Erziehung die rechte, ob ihre Gott huldigende Frömmigkeit die wahre ſei, davon gibt in allererſter Linie der Charakter unſerer Kinder Rechenſchaft. Sind ſie die beſſern, die beſten Menſchen, glühen ſie für alles Edle und Gute, iſt ihnen alle Rohheit und Gemeinheit zuwider, wird es ihnen leicht den bitteren Tropfen der Rache und des Grolls aus ihrem Herzen zu wiſchen, ſind ſie leicht verſöhnlich, voller Milde, voller Liebe, voller Hingebung um Gottes Willen— ſie waren nicht umſonſt unſern Händen anver⸗ traut, wir haben in ihnen Bauſteine für das Reich Gottes auf Erden geliefert. Iſt aber ihr Herz, ihr Gemüth, ihr Charakter nicht von dem bildenden und veredelnden Einfluß unſerer Erziehung berührt worden, kennen ſie die Rache und die Bosheit, den Groll und den Haß, die Scheelſucht und den Neid,— was immer der Grad ihrer Geiſtesbildung und ihrer ſonſtigen Frömmigkeit ſein mag— für das Reich Gottes haben wir ſie nicht erzogen.—
2. „Wie früh die Erziehung beginnen?⸗
„Nun, wenn unſer Kind anfängt, verſtändig zu werden, wenn man mit ihm reden kann, im zweiten, dritten Jahre, ſo genau läßt's ſich doch nicht beſtimmen,“ dürfte die faſt einſtimmige Ant⸗ wort lauten. Holen wir uns aber die Antwort aus dem Verfahren der meiſten Eltern, ſo dürften wir noch auf eine viel ſpätere Zeit verwieſen werden. Der Ernſt ihrer Erziehung beginnt meiſt im vierten, fünften, ja ſechsten Jahre. Bis dahin heißt es gewöhnlich: es iſt noch ein Kind, und was kann man von einem Kinde verlangen? Was von einem„Kinde“ verlangen?„Gehorchen“, mein Lieber, und nicht ſo wohl verlangen, als zum Gehorſam„gewöhnen“ können und ſollen wir das Kind, eben weil und ſo lange es noch Kind iſt. Soll dir der Knabe folgen, ſo mußt du das Kind ſchon an Gehorſam gewöhnen, mußt es üben ſeinen Willen dem deinigen und dem Willen aller derjenigen unterzuordnen, die deine Stelle bei ihm vertreten; mußt es gewöhnen und üben, die Befriedigung ſeiner Wünſche, die Ausführung ſeiner Beſtrebungen einem höheren Willen unterzuordnen, ja es ſelbſt bereits gewöhnen und üben das zu leiſten, was der Wille eines Höhern von ihm verlangt. Haſt du dein Kind erſt zu einem folgſamen Kinde gemacht, ſo haſt du von vornherein Alles gewonnen, ſo wird es in deiner Hand wie„ein Pfeil von ſtarker Hand“, die es dann, im Sinne dieſes Sängerſpruches, mit leichter Mühe auf das beſtimmte Ziel hinrichtet.„Ge⸗ wöhnung durch Uebung“ iſt ja die ganze Kunſt des Erziehers, des e', der alle die un⸗ beſtimmten Kräfte und Anlagen ſeines Zöglings in die einzige Richtung des Guten üben, durch wieder⸗ holte Uebung gewöhnen, und durch fortgeſetzte Gewöhnung alſo in dieſe Richtung feſtigen ſoll, daß ſie nachher von ſelbſt auch ohne fernere Einwirkung des Erziehers dieſer Richtung folgen. Ueben und gewöhnen kannſt du aber dein Kind lange zuvor, ehe du mit ihm ſprechen und ihm die Gründe deiner Forderungen und Verſagungen klar machen kannſt. Ja, ſelbſt wenn du ſchon„mit ihm ſprechen


