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ſobald der Vortheil zu groß, der Reiz zu lockend, der Genuß zu ſüß, die vortheil⸗ und genußreiche Gegenwart zu viel verſpricht, als daß nicht vor dem ſichern Gewinnſt des Augenblicks die möglichen künftigen Nachtheile in den Schatten treten. Sie brechen vollends zuſammen, wenn man in der eigenen Klugheit oder in den Quackſalbereien vielverſprechender ſocialer oder ſomatiſcher Heilkünſtler eine Aſſekuranz gegen die verderblichen Folgen der Uncedlichkeit oder Unſittlichkeit erblickt. Sie verwandeln ſich endlich in ihr Gegentheil, wenn der junge Egoiſt in's Leben tritt und ſieht, wie man ihn getäuſcht, wie gar ſelten in der großen Maſſe von Menſchen, mit denen er zuſammenkommt, auch nur Einer ihm helfend und fördernd zur Seite tritt, wie bei weitem die Meiſten unbekümmert um ihn ihres Weges eilen,„Hilf dir ſelbſt ſo wird dir Gott helfen!“ ihm zurufen wenn er im Graben liegt oder in eine Sackgaſſe ſich feſtgerannt, wo er keinen Ausweg ſieht; wie die meiſten ihn niederrennen, in dem Falle ſeines Vortheils und ſeiner Ehre eine willkommene Brücke zu ihrem Vortheil, eine willkommene Staffel zu ihrer Ehre erblicken— da wird er ojeb umithnakem, feind und voller ſich rächender Selbſtſucht:„wie du mir, ſo ich dir“, oder vielmehr„wie ihr mir, ſo ich euch“. Er rennt den an ihm Unſchuldigen nieder, weil Andere ihn niedergerannt. Er ſieht in jedem Glück des Andern einen an ihm begangenen Raub,— er hätte ja das erringen können, was dem Andern geworden,— und voller Menſchen⸗Gleichgültigkeit, wenn nicht Menſchenfeindſchaft, und voller ſich Rache erſchwingender Selbſtſucht rafft er ſich zuſammen um— der Maſſe gleich— rückſichtslos auch ſeine Carriere zu machen.
Cosi fan tutti, oder die Meiſten doch. Was wahrhaft Gutes und Edles, wahrhaft Menſchen Erlöſendes und Beglückendes auf Erden geſchah und geſchieht, das iſt nicht jener, gröberem oder feinerem Egoismus entſtammenden Klugheitsmoral entſprungen, wie ſehr ſie ſich auch— aus nicht minderer Vortheilsberechnung— mit dem Heiligenſchein moderduftiger Konventikel⸗Frömmelei zu ver⸗ brämen weiß. Das iſt eben Geſinnungen entſprungen, die bereits die durch Jahrtauſende klingende Davidsharfe in der Bruſt der Sterblichen geweckt, und welche die Erlöſung der Menſchheit von Feindſchaft und Selbſt⸗Rache vollbringen werden, wenn ſie nicht mehr nur das Erbgut weniger Auserleſenen ſind, wenn ſie Gemeingut der Geſammtmenſchheit geworden.
Das Gute üben, weil Gott es will, Recht und Sitte wahren, Liebe und Milde üben weil Gott es will, um Gottes Willen Gottes Ebenbild ſein, Gottes Ebenbild werden an Liebe und Barmherzigkeit, an,Wahrheit und Treue, an Verſöhnlichkeit und Milde, um Gottes Willen ſich aller Selbſtſucht und aller den Menſchen entwürdigenden Sinnlichkeit entäußern, um Gottes Willen rechtlich und ſittlich, heilig und menſchlich und voller hingebenden Liebe ſein für alle ſeine Geſchöpfe, das, um Gottes Willen Menſch ſein, das iſt die jüdiſche Erlöſungsbotſchaft an die Menſch⸗ heit, und dieſe Erlöſung an ſich ſelber zu vollziehen, das iſt die erſte Gottesthat auf Erden, zu deren Vollbringung unſere Kinder ſich im Anblick des Himmels und der Erde entſchließen ſollen.
Wenn es eine Wahrheit iſt, daß Gott aus dem Munde unſerer Kinder und Säuglinge ſich eine Macht bereitet hat, lemaan zoraraw, um mit dieſer ſcheinbar ſchwachen, aber mit jedem neugebornen Kinde in friſcher Kraft ſich verjüngenden Waffe Alles zu beſiegen, was Ihn, was ſein Reich und ſeine Herrſchaft von der Erde verdrängen möchte, ſo erklärt ſich ſein Wort ſofort ſelber, worin es zu allernächſt dieſe Ihm zugewandte Huldigung erblicken will und bricht damit erbarmungslos den Stab über Alles, das die Gotteshuldigung, das die Gottesverehrung zu allererſt in frömmelndem, himmelndem Beten und Singen— dem unendlich Leichten— und nicht zu allererſt in dem Schweren, ja Schwerſten, in der völligen Umwandlung des Menſchen⸗Charakters vor Allem in ſeinen Beziehungen zum Menſchen, erfüllt wiſſen möchte.
Für unſer pädagogiſches Geſchäft ſtellen aber dieſe Betrachtungen eine Aufgabe in den Vorder⸗


