Jahrgang 
1875
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Nichts iſt der Moral ſo entgegengeſetzt als die Moral, die im Munde des Volkes lebt, und nichts iſt ein ſo ſicheres Tödtungsmittel alles wirklichen ſittlichen Menſchenadels als die Maximen, womit man gemeinhin die Jugend zur Sittlichkeit und Rechtſchaffenheit erzieht.

Zu welcher niedrigen Klugheitsregel einer baaren Krämersweisheit hat man das göttliche »weahawta lereacha kamocho« durch das:Was du nicht willſt, daß man dir thue, das thue auch Andern nicht herabgewürdigt, in welches man das reine Hilleliſche:»ma dealach sani lechawrach lo thaawed« misbräuchlich verkehrt hat?Tritt dem Andern nicht auf den Fuß, ſonſt wirſt du wieder getreten, ſtiehl nicht, damit man nicht auch dich beſtehle, willſt du daß man dich in deinem Eigenthum, deiner Ehre, deinem Recht, deinem Vortheil nicht antaſte, ſo darfſt du auch Andere nicht in ihrem Eigenthum, ihrer Ehre, ihrem Recht und Vortheil verletzen. Wie willſt du, daß man dir nicht Unrecht thue, wenn du Andern Unrecht thuſt??Wie ich das will? Dafür laß mich ſorgen, dafür muß ich nur klüger und ſtärker, mächtiger und reicher als die Andern zu werden ſuchen, daß man mich fürchte, daß man nicht wage mit mir anzubinden, und wenn ich nun meinen Vortheil, meine Ehre auf's Spiel ſetzen will, wem bin ich dafür Rechenſchaft ſchuldig als mir? Wir möchten wohl wiſſen, was man ſolchen Entgegnungen, die unſer Kind leiſe oder laut, früh oder ſpät machen wird, entgegnen will, wenn man ſeine Rechtſchaffenheit nur ſeiner Geſchicklichkeit in der Gewinn- und Verluſt-Rechnung anvertraut.

Ehrlich währt am längſten. Der Krug geht ſo lange zum Brunnen bis er bricht. Es iſt dein eigner Vortheil rechtlich zu ſein. All dein Kredit beruht auf der guten Meinung, die die Leute von deiner Ehrlichkeit haben. Wer erſt ſeinen guten Namen verloren hat, der iſt ſelbſt für immer verloren. Darum laſſe dir nicht das Geringſte zu Schulden kommen. Und wenn du es noch ſo fein anlegſt, es kommt doch endlich an den Tag. Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen. Mancher geht jetzt in Lumpen, der, wenn er nicht hätte in geſtohlener Seide gehen wollen, noch jetzt mit Ehren in warmem, ganzem Rock umher wandeln würde.

Sei ſittlich, mein Sohn! Sei nicht ausſchweifend! Siehſt du nicht die Schatten, die umher⸗ wandeln, die dreißig⸗, zwanzigjährigen Greiſe mit den hohlen Wangen, mit den ausgekohlten Augen, mit dem ausgebrannten Herzen, an denen der Tod gar leichte, raſche Arbeit findet? Weißt du wer ihr Todesengel geweſen? Die Ausſchweifung war es, die Unkeuſchheit, die Unmäßigkeit. Bleibe mäßig, bleibe keuſch, bleibe ſittlich, wenn du geſund bleiben willſt und lange leben.

Die menſchliche Geſellſchaft könnte ja gar nicht beſtehen, wenn die Menſchen nicht arbeitſam und brav ſein, wenn ſie nicht auf Recht und Sitte achten wollten, ſich nicht einander beiſtehen und helfen wollten in der Noth. Große Macht und großer Vortheil liegt in der Vereinigung der Kräfte. Auch der Reiche und Vornehme thut wohl daran wenn er durch Mildthätigkeit der Armuth ihren Zuſtand erträglich macht. Wenn erſt das Elend zur Verzweiflung kommt, dann bricht unter ſchreck⸗ licher Revolution Alles zuſammen und die Beſitzenden leiden zuerſt

Wie weit reicht man hin mit dieſen und ähnlichen Betrachtungen und Weisheitslehren, mit denen man meint, wunder wie klug Tugend und Sittlichkeit auf den mächtigſten Hebel, auf die Selbſtſucht und den Selbſterhaltungstrieb des Menſchen zu pfropfen, und den Menſchen zum Egoiſten macht indem man ihn zum aufopferungsfähigen Menſchen machen will? Wie weit reicht man hin? Gerade ſo weit, wie man die Angelegenheiten der Menſchen und die Anliegen der Menſchheit im Kleinen und Großen nach Jahrhunderte langem Beſſern und Kalfatern noch heute erblickt. Dieſe Moral und dieſe Maximen halten ſo lange, als der, Alles auf ſein eigenes, gefliſſentlich hervor⸗ gehobenes Selbſt beziehende Menſch ſeinen Vortheil auf Seite des Rechts und der Sitte und der Menſchlichkeit erblickt oder erhofft. Sie brechen zuſammen, ſobald die Klugheit ein anderes gebietet,