Jahrgang 
1875
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ſitzt das fromme Kind im Kämmerlein an der Wiege des todten Brüderchens, das nun ein Engel geworden und betet zum lieben Gott: nimm mich doch auch zu dir und mache mich dort oben auch zum Engel mit den glänzenden goldenen Flügeln, oder es kniet mit gefalteten Händen und himmelnden Madonnenblicken und betet ſeinen Abendſegen und vor lauter himmliſchem Schmachten perlt die Thräne über die bleiche Wange und in der Thräne glänzt die ſcheidende Sonne, die morgen als Morgenroth über die Leiche des Kindes aufgehen wird, das der liebe Gott in ſeiner Sehn ſucht zu ſich hingenommen das nennen ſie das fromme Kind und die Gottſeligkeit der Kinderſeelen, und mit dieſen Verzückungen meinen ſie Kinder für das Himmelreich zu erziehen

Oder ſie ſpeiſen die Idee des Unſichtbaren in der Kinderſeele mit allem erdenklichen Mummen⸗ ſchanz einer Mährchenwelt von Kobolden und Nixen, von guten und böſen Feen, von Zauberern und Wippermännchen, mit allem tollen und närriſchen Spuk einer fuſeltrunkenen Einbildungskraft, und die erſte Nahrung, die der für Klarheit und Wahrheit in Erkenntniß des Sichtbaren und Anbetung des Unſichtbaren geſchaffene Geiſt aus ihrer Karnevalstaſche erhält, iſt eine Verzerrung des Sichtbaren und eine Karrikatur des Unſichtbaren, iſt ein phantaſtiſches Gaukelſpiel des Wahns und der Lüge, das dem Verſtande den wahren Zuſammenhang der Dinge entrückt und den erhabenen Gedanken des Unſichtbaren in den Larvenſpuk einer boshaften oder neckiſchen Geiſterwelt verkehrt und das nennen ſie, ſich zur Kindlichkeit der Kinderſphäre hinablaſſen, als ob auch nur eine Spur von all dem tollen Zeug nicht erſt in die Kinderſeele hineinerzählt, und wenn etwas davon vorhanden wäre es nicht vielmehr mit aller Sorgfalt hinauszulehren wäre, damit in der Kinderſeele Raum werde und Raum bleibe für Gott in ſeiner Wahrheit und die Welt in ihrer Klarheit!

Oder ſie ſpannen den Kindesgeiſt auf die metaphyſiſche Folter der Beweiſe für das Daſein Gottes, der Lehre von dem Weſen Gottes und ſeiner metaphyſiſchen Eigenſchaften, der Ewigkeit und Einigkeit, der Unkörperlichkeit und Einzigkeit ꝛc. ꝛc. wie Er Gott verzeihe ihnen die Vermeſſenheit ihrer Demonſtrationen ewig ſein müſſe und nicht theilbar ſein könne, nicht körperlich ſein könne und einzig ſein müſſe ꝛc. ꝛc. und das nennen ſie rationale Glaubenslehre und Erhebung der Kinder⸗ ſeele zur Höhe ihres männlichen Verſtandes. Als ob über das Weſen Gottes der reifſte Philofophen⸗ geiſt weſentlich mehr wüßte, als die kindlichſte Kinderſeele! Als ob überhaupt von Gott zu wiſſen uns Anderes Noth und darum auch zugänglich iſt, als was für unſer treues, ſittliches Verhalten in ſeiner Welt nütze und nothwendig iſt. Als ob nicht dies, das allein Nothwendige und Heilſame, ſo Allen zugänglich und verſtandesnahe iſt, ſo wenig der philoſophiſchen Doktrin und der dialektiſchen Deduktion bedarf, daß vielmehr, wie unſer Davidsſang uns ſingt, die Erkenntniß ſelbſt ſchon auf den Lippen von Kindern und Säuglingen zu finden wäre! Als ob nicht Alles, was darüber hinaus liegt, was ſich in die Weſenheit Gottes zu verſenken beanſprucht, und, was Gott iſt und wie Gott iſt, auf dem Wege philoſophiſcher Doktrin und dialektiſcher Deduktion finden will, meiſt nichts als eine grund⸗ und zielloſe Verirrung iſt, die den Gegenſtand der Erkenntniß und die Mittel zur Erkenntniß nicht ermißt, die nach einer Erkenntniß ſtrebt, die hienieden verſagt iſt, und darüber diejenige verab⸗ ſäumt, deren Wahrheit an Himmel und Erde geſchrieben iſt, und zu deren Verſtändniß Jeder den Schlüſſel im Buſen trägt, die wiſſen will, was nur den Fürwitz befriedigt, und darüber das nicht weiß, woran jeder Athemzug hängt

Und unſer Lied?

Nicht die Gotteserkenntniß, die die Menſchen mit geſchloſſenem Auge aus einem paar dürren ab⸗ gezogenen Begriffen erſchließen, die Gottesmajeſtät die an den Himmeln glänzt, die, meint es, werde die Erde beſiegen, und da hinaus, in den Anblick des Himmels mit ſeinen funkelnden Sternen und ſeinem wandelnden Mond, ruft es uns und mit uns unſere Kinder hinaus. Dort, überſtrahlt von