Aphorismen
aus den„Pädagogiſchen Plaudereien“.*)
1. Erziehungsmaximen im Lichte eines Pſalmworkts.
Kein Wort war wohl mehr geeignet der pädagogiſchen Welt das Bewußtſein von der Weihe und der hohen Bedeutung ihrer Aufgabe zu vermitteln, als das Wort des Pſalmliedes(Pſ. S.), das im Anblick des Gott verkündenden Sternenhimmels von der„unwiderſtehlichen Macht ſingt, die ſich Gott aus dem Munde von Kindern und Säuglingen gegründet hat“, damit alles ſeinem Reiche auf Erden Widerſtehende zu beſiegen und der Feindſchaft und Rache unter den Menſchen ein Ziel zu ſetzen.
Aus den Gedanken, Empfindungen und Worten unſerer Kinder will Gott ſich Bauſteine für ſeinen Menſchheitsthron gegründet, will Gott ſich Waffen geſchmiedet haben, die unwiderſtehlich alles dem Menſchenglück und der Menſchenveredlung Feindliche niederkämpfen; durch Gedanken, Empfindungen und Worte unſerer Kinder ſoll ein Geiſt, ein bleibender mächtiger Geiſt das Geſchlecht der Zukunft bilden, vor welchem Feindſchaft verſtummt und Selbſtſucht beſchämt ſich ihrer ſelbſt entäußert— und es ſollten dieſe Gedanken uns nicht mit hohem Ernſt zur Erfüllung dieſer Erwartung von unſerer Erziehungsaufgabe durchdringen, ſie ſollten uns dieſe Aufgabe nicht in ihrer ganzen Hoheit erblicken laſſen und uns zur Beſinnung rufen, die Aufgabe auf der ganzen Höhe ihrer Bedeutung zu erfüllen?!
Unſere Kinder zu Gott huldigenden Menſchen zu erziehen, das iſt der einfachgroße Sinn, den unſere Aufgabe unter den Klängen der Davidsharfe gewinnt,— und wie tritt, an dieſem Maßſtab gemeſſen, das Meiſte von allem Dem in den Schatten der Verkehrtheit, was gemeinhin als fromme Kindererziehung, als Erziehung der Kinder für die bürgerliche Geſellſchaft kurſirt und wovon die Fluth von Kinderſchriften und Religionsbüchern einerſeits und der populäre Moralcodex im Munde der Menſchen andrerſeits Kunde giebt!
Da kommen die Engelein und ſpielen mit den Kindlein im Bettlein, wenn ſie die frommen Aeuglein ſchließen und aufthun,— da ſehnt ſich das Kind nach der himmliſchen Herrlichkeit dort oben und möchte vor Seligkeitsſehnſucht ſterben um mit den Engeln des„lieben“ Gottes zu ſpielen,— da, während die andern auf der ſonnenreichen Blumenwieſe ſich in lauter, munterer Luſt tummeln,
*) Jeſchurun, Jahrg. VIII.


