Jahrgang 
1929
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f. Bamberg wie ich es sah.

Wo sich die Regnitz in den jungen Main ergießt, mitten im Frankenlande, liegt Bamberg. Ein Gang durch Bambergs Straßen ist ein Wandern und Schreiten durch seiné Geschichte. Was wissen die alten, buckligen Häuser nicht alles zu erzählen von einstiger Bistumsherrlichkeit, und wie beredt künden sie uns von Raub, Brand und Kriegswirren. Wir schreiten hinein in die dämmernden Straßen dieser alten Stadt, in der die Geschichte stillegestanden ist. Alte, schiefe, krumme Häuser treten uns entgegen. In Klein-Venedig Behausungen der Armen, wo die Nässe an den Wänden hochsteigt und die Menschen krank und hohlwangig herumlaufen. Da hausen Schweine und Federvieh im Keller, da liegen Kähne und Netze vor den Türen. Alles macht einen verwahrlosten und verlodderten und doch sehr malerischen Eindruck.

Weiter kommen wir an behäbigen, breiten Bürgerhäusern vorbei. Stockwerk um Stockwerk springt über die Straße hinaus vor. In den Fenstern mit winzigen Butzenscheiben stehen leuchtende Geranien. Das Holzfach- werk mit seinen warmen Tönen bringt Leben in die Wände und schafft so einen Bau von straffer Geschlossen- heit und anheimelnder Freundlichkeit.

Dann sehen wir prächtige Patrizierhäuser. Ihre überladenen, prunkvollen Barockfassaden schreien den ganzen Reichtum ihrer einstigen Besitzer in die Welt hinaus.

Plötzlich stehen wir auf einem großen, freien Platz. Mitten darin thront ernst und gewaltig der Dom. Vier schwerwuchtende und dennoch zierliche Türme wachsen aus seinen Eckpfeilern hoch in den Himmel. Nie werde ich den ersten Eindruck, den dieser Dom auf mich machte, vergessen. Es war Nacht. Wir schritten durch die schlafende, menschenleere Stadt. Alles war still. Man glaubte zu träumen. Weit weg waren wir von der hastenden Großstadt. Man wartete darauf, daß der Nachtwächter mit Spieß und Laterne käme und riefe:Hört, ihr Leut', und laßt euch sagen

Vor uns lag im matten Dämmerschein auf dem freien Platz eine ruhende Masse, ein Koloß, aus dem langsam vier Spitzen sich erhoben, scheinbar hinanwuchsen, bestimmte Formen annahmen, bis sich die vier Türme des Domes in gewaltiger Höhe schwach, aber deutlich vom dunklen Himmel abhoben.

Wir schreiten durch die Stadt, in der alte Bäume ein Lied der Vergangenheit rauschen. Blinde, wunderliche Laternen baumeln an schweren handgeschmiedeten Ketten, und zwischen den holperigen Steinen des Pflasters sprießt spärliches Gras. Krumm und winklig tasten die Straßen sich zwischen den Häusern hindurch, erweitern sich befreit zu kleinen Plätzen und stürzen und stolpern durch Torbögen über Steintreppen. Hier springt ein unregelmäßig gebautes Haus kühn vor, dort weicht ein anderes bescheiden zurück und schafft Paum für einen alten Brunnen, der ein Lied der Vergangenheit rauscht, oder eine knorrige Linde, die mit ihren Aesten kosend über das Mauerwerk streicht.

Unten an der Regnitz wachsen uns Wunder über Wunder entgegen, und wir schauen Bilder von unvergleich- licher Schönheit, die hundert- und tausendmal von Künstlerhand gemalt wurden und noch nicht erschöpft wor- den sind.

Wie schön ist es, in sinkender Abendstunde auf einer der Ruhebänke an der Regnitz zu sitzen! Vor mir liegt die Stadt mit ihren roten Dächern. Die Häuser drängen sich zusammen, schieben sich ineinander, als hätte dort ein Riesenkind sein Spielzeug verloren. Fin paar Kähne ziehen vorbei. Schilf und Röhricht säuseln im Abend- winde. In weiter Ferne der letzte Schimmer des verschwindenden Abendrots. Vom Dome sinkt ein leises, windverwehtes Abendläuten. Sonst Stille... Feierabend...

Am nächsten Morgen nehmen wir Abschied von Bamberg. Durch seine Straßen bin ich geschritten, ich hörte den Klang seiner Glocken und ich träumte mich zurück in ferne, längst vergangene Tage. Vom rollenden, schnaubenden Zug schaute ich noch lange nach jener alten, stillen Stadt zurück. Kurt Adolph Ula.

g. Im Bamberger Dom.

Wir stehen an einem Eingang des Domes vor der Adamspforte. Am linken Gewände sehen wir Stephanus, die altertümlichste der Gestalten, zugleich aber die innerlich feinste, Kaiserin Kunigunde und Kaiser Heinrich II. Am rechten Gewände erblicken wir Adam und Eva und den Apostel Petrus. Das Auffallendste dabei ist das Paar der ersten Menschen, die erste Darstellung nackter Menschen in der deutschen Kunst. Welcher Künstler hätte vorher gewagt, zwei nackte Gestalten in Stein zu hauen? Wie wenig Wert der Künstler auf den Aus- druck eines persönlichen Wesens selbst legte, das zeigen diese beiden Akte. Es sind hagere, schlank ge wachsene Menschen, die in ihren gestreckten Formen deutlich das gotische Körperideal wiedergeben. Die Mus- kulatur ist schwach entwickelt, man glaubt, die Haut sei straff über die Glieder gespannt. Noch nichts ist von der Kraft und der Straffheit des Mannes zu erkennen, nichts empfinden wir hier von dem edlen, männlichen Wesen. Und ebensowenig können wir bei dem Weib die weicheren und runderen Formen erkennen.

Das Innere des Domes ist eine lange, hohe Halle. Ein schweres, wuchtiges Gewölbe ruht auf schmalen Rippen. Die ganze Last pflanzt sich in die Pfeiler fort, die steil wie Bündel aus dem Boden emporsteigen. Man glaubt schlanke, hohe Bäume draußen in der Natur vor sich zu sehen, deren Zweige sich im Gewölbe vereinigen. Schnell gleitet der Blick des Beschauers an ihnen empor, sie reißen sein Auge mit sich zu dem Schlußstein des Gewölbes, in dem sich die Rippen treffen. Alles reckt sich in die Höhe, wie befreit von aller Schwere, straff und schlank.

Das Licht des Tages verbreitete einen Dämmerschein in dem geweihten Raum. Als aber die Sonne aus dem Wol kenmantel hervorbrach, sandte sie ihre Strahlen auch durch die schmalen Fenster in diese ehrwürdige Gottes stätte. Da schienen die Standbilder der Heiligen vor uns zu leben und ließen uns nun ihre ganze stille Seligkeit zu uns sprechen. So wird die Kunst zum Ausdruck tiefster Ergriffenheit, des geheimnisvollsten Gottsuchens und CGotterlebens.

Hoch oben, am Stirnpfeiler des Georgenchores, erblickt man das Standbild des Bamberger Reiters. Stolz sitzt er auf seinem Pferd. Sein Blick ist auf ein festes Ziel in der Ferne gerichtet. In ihm ist der Geist der deutschen Ritterdichtung, das Sinnbild der ritterlichen Seele dargestellt. Das schmale Gesicht, der kräftig herausgear-

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