graft sich klärte. Lessing. Schiller, Goethe, Bismarck und viele andere waren Feuergeister in ihrer Jugend. Der junge Bismarck lebte in wildester Ungebundenheit und schäumte vor Uebermut und strotzender Kraft. Schiller wurde von rastloser Abenteurerlust ergriffen, liebte derbe, mutwillige Scherze und lehnte sich keck und voll Trotz gegen alle Ordnung auf. Was ist bei beiden großen Männern aus der überschäumenden Kraft ihrer Jugend herangereift! Goethe schildert uns im zweiten Feile des Faust den Baccalaureus wie einen heu— tigen Jugendführer, der aus den Zeitungsstimmen zu uns Spricht, und die Worte, die ihm Mephistopheles nach- ruft, gelten auch für unsere heutige halt- und gestaltlose Jugend:
„Original, fahr hin in Deiner Pracht!— Wie würde Dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht?— Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet, in wenig Jahren wird es anders sein: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch nen Wein.“
Was heute himmelstürmend und weltverachtend als neue Jugend sich geberdet, ist keine neue Jugend. Immer ist die Jugend so gewesen, und immer wird sie auch künftig so sein in der Zeit, wo der Jüngling zum Manne heranreift, wo ein gewaltiger Umschwung im Wesen der jugendlichen Seele sich vollzieht. Es ist die Zeit der herannahenden Reife, wo die Jugend ihre Innenwelt entdeckt, eine Welt voll Rätsel und ungelöster Fragen, wo sie in ihrem selbstgeschaffenen Traumreiche lebt, das reicher, schöner, farbenprächtiger und freudenvoller ist als die nüchterne Außenwelt. Es ist die Zeit der Entwicklung, wo die Jugend den Keim schöpferischer Kraft in sich verspürt, wo sie das eigene Ich selbstherrlich als den Mittelpunkt der Welt auffaßt und alles bekämpft. was den eigenen schöpferischen Drang lähmen und hemmen könnte. Es ist daher aber auch die Zeit, wo die Jugend mit ihrer Umwelt in Widerspruch tritt und selbstbewußt gegen die Formen der überlieferten Kultur sich auf-— lehnt, wo sie sich loslösen möchte von Eltern und Erziehern, die ihr als Freiheitsunterdrücker gelten. Es ist eine widerspruchsvolle Zeit des Ringens um Selbstgeltung. Maßlos in Fühlen und Wollen, in jähem Stim- mungswechsel von Selbstüberhebung zur Selbstverachtung und Selbstvernichtung scheint die Jugend in solcher Zeit den festen Boden der Wirklichkeit zu verlieren.
In dieser Zeit der Entwicklung treten zum ersten Male scharf und grell die Unterschiede menschlicher Geistes- art hervor, die im wesentlichen auf natürlichen, ererbten Anlagen beruht und später zum Charakter und Ge- samtbild der Persönlichkeit sich gestaltet. Wir haben, liebe Abiturienten, in unseren philosophischen Stunden von der Eigenart menschlicher Persönlichkeit gesprochen. Wir haben Lebenstypen kennengelernt, die in der Reifezeit sich entwickeln und der ausgereiften menschlichen Persönlichkeit ihr Gepräge geben: die Sturm- und Drangmenschen, die in Uebermut und Abenteuerlust sich austoben wollen, die Schwärmer und Poeten ohne Gestaltungskraft nach außen, die schwunglosen, nüchternen Seelen ohne schwärmerische Ideale, die pflicht-— getreuen und die Nützlichkeits-Streber, die rein geistig eingestellten Denker und die tatenlosen Grübler, die reinen Gefühlsmenschen ohne äußere Kraft und äußeren Halt, die Optimisten und die Pessimisten, die innerlich heiteren Menschen und die oberflächlich genußsüchtigen, die ernsten und die krankhaft schwermütigen Natu-— ren. Es wurde uns klar, daß in solchen Lebenstypen Gegensätze zum Ausdruck kommen, die alle Formen der Lebensauffassung und der Weltanschauung beherrschen. Sie suchten, liebe Abiturienten, in bekannten Persön- lichkeiten der Geschichte und in Charaktergestalten der Dichtung anschauliche Beispiele für diese Lebenstypen. Sje sollten sich dazu anregen lassen, auch im Umkreis Ihrer persönlichen Erfahrung nach solchen Beispielen zu forschen. Sie sollten damit einen Weg finden zur Menschenkenntnis und zur Erkenntnis ihres eigenen We- sens, denn Sie brauchen diese Erkenntnis, um sich selbst weiterzugestalten.
Wir sind in unserem geistigen Leben an die natürliche Eigenart unseres Wesens gebunden, wie die Schwere unser körperliches Dasein an die Erde, unseren mütterlichen Boden, bindet, und doch sind wir frei. Wie gerade unter dem Einfluß der Schwere unsere körperlichen Kräfte zur freien und sicheren Bewegung sich entfalten, so kann auch nur in der Eigenart unseres persönlichen Wesens die willensfreie und die zielsichere Kraft un-— serer Seele sich entwickeln. Wir können kein anderes Wesen annehmen, als die Natur es uns gegeben hat, wenn wir echt und wahr und frei bleiben wollen. Wir müssen unsere Eigenart behaupten. Aus unserer Eigen- art heraus müssen wir streben und wirken, unbekümmert um den Beifall der Menge, unbekümmert um die Folgen unserer Tat, unbekümmert auch um den äußeren Erfolg, den sie uns verspricht. Sonst sind wir nicht wahr und nicht frei. Die selbständige freie Persönlichkeit, das freie Ich ist das einzig Wertvolle in der Welt. Das war der weite Ausblick, der sich uns eröffnete, als wir am Schluß unserer philosophischen Betrachtungen Fichtes Schrift über die Bestimmung des Menschen besprachen. Das war die Ueberzeugung, die für Fichte, den Philosophen und tatendurstigen Führer der Jugend, im Kampfe um die Erhebung und Befreiung unseres Volkes zum Frlebnis wurde.
„Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll,
Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.“
Das Bild, das uns als Lebensziel vorschwebt, ist das Bild unserer eigenen Persönlichkeit in ihrer Freiheit und in ihrer Vollendung.
„Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit“, so sagt Goethe, und es gibt unter unseren großen Männern kaum einen anderen, der in seinem Leben und in seinen Werken das Wesen und Werden seiner freien und machtvollen Persönlichkeit so eindrucksvoll offenbart.
Wir haben aber die Eigenart unseres Wesens nicht selbst geschaffen, sie ist ein Erbgut, das wir unseren Vor— fahren verdanken, wie Goethe selbst von seiner eigenen Persönlichkeit bekennt:
„Vom Vater hab' ich die Statur, des Lebens ernstes Führen.
Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“
Im weiteren Sinne ist unsere Persönlichkeit ein Erbgut, das aus dem Wesen unseres Volkes stammt. Auch Völker haben ihre Eigenart, und als Deutsche denken und fühlen und handeln wir nach deutscher Art und
22


